https://www.faz.net/-gqz-o05l

: Abwicklung der Deutschland AG

  • Aktualisiert am

Wolfgang Streeck/Martin Höpner (Herausgeber): Alle Macht dem Markt? Fallstudien zur Abwicklung der Deutschland AG. Campus, Frankfurt 2003, 289 Seiten, 30,80 Euro.Martin Höpner: Wer beherrscht die Unternehmen? Shareholder Value, Managerherrschaft und Mitbestimmung in Deutschland. Campus, Frankfurt ...

          5 Min.

          Wolfgang Streeck/Martin Höpner (Herausgeber): Alle Macht dem Markt? Fallstudien zur Abwicklung der Deutschland AG. Campus, Frankfurt 2003, 289 Seiten, 30,80 Euro.

          Martin Höpner: Wer beherrscht die Unternehmen? Shareholder Value, Managerherrschaft und Mitbestimmung in Deutschland. Campus, Frankfurt 2003, 265 Seiten, 30,80 Euro.

          Wie geht es eigentlich der sogenannten Deutschland AG? Gemeint ist jenes politisch gestützte Netzwerk, das durch weitreichende Personalverflechtungen zwischen Unternehmen und Großbanken die Konkurrenz nach innen begrenzt und nach außen Geschlossenheit anstrebt. Sind die Schutzmauern nach den Attacken durch das Modell des "Shareholder Value" noch intakt? Stimmt die Logik dieser deutschen Spielart des organisierten Kapitalismus noch, nach welcher über die Mitbestimmung auch gesamtgesellschaftliche Interessen wahrgenommen werden sollen? Wie steht es mit den Führungskräften, die traditionell nicht über den Markt, sondern aus der Belegschaft des eigenen Unternehmens rekrutiert wurden? Gelten feindliche Übernahmen nach wie vor als kulturschädlich? Solchen und noch viel mehr Fragen geht das Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung nach. Ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstütztes Forschungsprojekt über den Einfluß der Internationalisierung auf das deutsche Modell der industriellen Beziehungen und eine Reihe damit verbundener Dissertationen liefern nun reichlich Stoff für Antworten auf diese Fragen. In zwei Büchern kann sich der Leser davon überzeugen.

          Wolfgang Streeck und Martin Höpner zeichnen in ihrem Sammelband nach, wie und warum die Deutschland AG in Auflösung begriffen ist. Ihre These: Der Prozeß der Liberalisierung der Unternehmenskontrolle ist seit den späten neunziger Jahren weit - und irreversibel - fortgeschritten. Und in seiner Einzelschrift fragt Höpner nach den Ursachen und Wirkungen des oft mißverstandenen Shareholder-Value-Phänomens in Deutschland. Daran knüpft er Überlegungen zur neuen Rolle von Mitbestimmung und Managerherrschaft. Beide Bücher stellen nicht in Abrede, daß die Unternehmen der Deutschland AG auf bestimmten Gebieten erfolgreich waren, etwa im Schaffen von Arbeitsplätzen, auf den Produktmärkten und bei der Befriedigung höchst unterschiedlicher Interessengruppen ("Stakeholder"). Allerdings war den Unternehmen Wachstum wichtiger als Profitabilität. Deren im Vergleich zu angelsächsischen Unternehmen niedriges Niveau konnte nur durchgehalten werden, weil mit feindlichen Übernahmen nicht zu rechnen war und die größtenteils passiven Privatanleger keinen Effizienzdruck ausübten.

          Das sei zugleich die Sollbruchstelle in den Mauern um die Deutschland AG gewesen, schreiben die Kölner Gesellschaftsforscher. Das Konzept des Shareholder Value - oder weniger spektakulär: einer Kapitalmarktorientierung - zwinge nun die Unternehmen, zumindest die Kapitalkosten zu erwirtschaften und sich auf Kernbereiche zu konzentrieren, statt wie bisher Risikostreuung und Quersubventionierung zu betreiben. Der Wandel in der Unternehmensführung zeige sich auch an der Übernahme internationaler Rechnungsstandards, was im Vergleich zum Handelsgesetzbuch (HGB) die Wahlfreiheiten drastisch einschränke, und in der Beseitigung von Höchst- und Mehrfachstimmrechten. Die Vergütung von Führungskräften werde zunehmend an finanzielle Kennzahlen gekoppelt. Darüber hinaus gebe es klare Anzeichen für eine abnehmende Verflechtung zwischen den deutschen Großunternehmen. Die Deutsche Bank zum Beispiel, früher in fast jedem dritten Kontrollorgan der hundert größten deutschen Unternehmen vertreten, hat sich deutlich zurückgezogen.

          Für Streeck und Höpner stellt dieser Wandel allerdings keinen Systembruch dar, sondern vielmehr eine schleichende "Hybridisierung" der Unternehmensverfassungen. Dabei kommen sowohl Elemente des organisierten Kapitalismus als auch des liberalen (angelsächsischen) Modells zur Anwendung. Die beiden Wissenschaftler beleuchten diese Entwicklung anhand von neun aufschlußreichen Fallstudien. So sieht man an dem langen Niedergang der AEG, warum das deutsche System der Unternehmenskontrolle auf Gegenseitigkeit auf den turbulenten Märkten von heute einfach scheitern mußte. Die Fallstudie "Gemeinwirtschaft" soll zudem zeigen, daß auch die Gewerkschaften in ihren eigenen Beteiligungsgesellschaften letztlich ebenfalls auf eine Strategie des Shareholder Value eingeschwenkt sind. Aus der Analyse des Falls Mannesmann/Vodafone wird gefolgert, daß sich in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre neben dem Produkt-, Arbeits- und Aktienmarkt in Deutschland ein Markt für Unternehmenskontrolle herausgebildet hat. Der Konkurrenz auf diesem Markt sei eine zwar begrenzte, aber zunehmende Zahl deutscher Unternehmen ausgesetzt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sparen fürs Alter? Das ist besonders für Menschen mit niedrigem Einkommen gar nicht so einfach.

          Betriebsrenten : Geringverdiener ignorieren Zuschüsse fürs Alter

          Mit einer neuen Förderung wollten die Minister Nahles und Schäuble die Verbreitung der Betriebsrenten verbessern. Nun liegen erstmals Zahlen vor, das Ergebnis ist durchwachsen. Entsprechend unterschiedlich bewerten Fachleute das.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.