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Wirtschaft als Fiktion : Der Erzähler

Ihn gibt es nicht Bild: Michael Dannenmann

Alexander Geiser wird von Topmanagern engagiert, damit er ihnen Geschichten erfindet. Ob Continental oder Deutsche Bank - die Realwirtschaft ist schon lange fiktional. Es gewinnt die beste Story.

          Im Frühjahr 2008 war Maria-Elisabeth Schaeffler, die „Königin der Kugellager“, wie die Wirtschaftspresse die elegante Wienerin nannte, auf die Idee verfallen, mit ihrem Unternehmen, einer mittelständisch geprägten Firma aus dem fränkischen Herzogenaurach, den Reifenhersteller Continental aus Hannover zu kaufen: ein Dax-Unternehmen, dreimal größer als Schaeffler. Ob es die Waghalsigkeit des Deals, die Ausstrahlung der großen Dame oder der bodenständige Ruf der fränkischen Firma waren: im Rückblick lässt sich nicht mehr exakt ausmachen, welche Umstände dafür verantwortlich waren, dass der Coup der Schaefflers in der Öffentlichkeit mit Sympathie, wenngleich nicht mit überschwänglicher Zustimmung aufgenommen wurde.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Übernahmen, erst recht wenn sie wie bei den Schaefflers vom Top-Management der angegriffenen Firma als feindlich empfunden werden, sind in Deutschland nicht besonders gut gelitten. Man möchte, dass die Wirtschaft am liebsten so bleibt, wie man sie kennt. Aber der Angriff der Schaefflers hatte seinen Charme: Frau nimmt Mann, David besiegt Goliath, Auto (Kugellager) passt zu Auto (Reifenhersteller). Und alles bleibt in heimischen Landen. Conti, so sieht es aus, hatte schon verloren bevor die Übernahmeschlacht eröffnet wurde.
          An dieser Stelle kommt unser Mann ins Spiel. Er heißt Alexander Geiser, ist ein Deutsch-Kanadier mittleren Alters mit beeindruckender Statur und ebensolchem Selbstbewusstsein, das er mit verführerischem Charme zu verpacken weiß. Gerne bliebe er unsichtbar. „Financial Communications & Investor Relations“ nennt sich unspektakulär sein Arbeitsgebiet. Ein Dienstleister, ein PR-Mann, ein Berater, also, allerdings mit einem besonderen Auftrag: Eine Schlacht, die schon verloren schien, doch noch zu gewinnen. Und zwar mit einer Geschichte.

          Maria-Elisabeth Schaeffler: „Egoistisch, selbstherrlich und verantwortungslos“

          Geiser ist Geschichtenerfinder. Sein Job ist es, Schicksale durch Worte zu wenden. Einfach ist das nicht. Aber wenn es einfach wäre, bräuchte man Leute wie Geiser nicht, die hinterher Rechnungen stellen, die sich an den Honorarsätzen der großen Law Firms und Investmentbanken orientieren. Der Angriff der Schaefflers sei „egoistisch, selbstherrlich und verantwortungslos“ hatte Geiser in einer ersten Wutreaktion dem Conti-Chef zu sagen aufgetragen. Das war noch keine Meisterleistung, eher ein beleidigtes Gekläff. Doch dann kam die zündende Idee: Frau Schaeffler kämpfe nicht mit offenem Visier, ließ Geiser den Conti-Leuten ins Drehbuch schreiben. Feige angeschlichen habe sich der die Dame aus Franken, sich im Schatten der Intransparenz mit ausreichend Aktien eingedeckt, die dem Übernahmeopfer jetzt einzig noch die Kapitulation erlaube.

          Damit war die Geschichte auf einer moralischen Ebene: David gegen Goliath, schön und gut, das ist sportlich. Aber nur solange David sich mit seiner kleinen Steinschleuder offen den Philistern zu erkennen gibt. Eine Mittelständlerin, die sich des Nachts anschleicht und Aktien einsammelt ohne ihre wahren Absichten kundzutun: Das ist nicht in Ordnung. Da ist keine Waffengleichheit. Geisers Schachzug entmachtet die gute Geschichte von David gegen Goliath und ersetzt sie durch die böse Geschichte vom feindlichen Überfall in der Nacht. „Nur deshalb konnten wir uns nicht wappnen und auf Augenhöhe reagieren“, ließ Geiser den Conti-Chef öffentlich sagen. Kein Fair Play.

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