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Wirbel um die Documenta : Muss der Mensch weg?

Viel Lärm um die Documenta 13: Plötzlich steht eine Künstlerliste im Raum und zugleich die Holzfigur eines Mannes im Kirchturm. Diese speziellen Kassler Verhältnisse brauchen eine Einordnung.

          2 Min.

          Die Prozedur ist immer die gleiche: Kurz vor einer großen Kunstausstellung taucht irgendwo eine Teilnehmerliste auf, und die Journalisten springen im Quadrat und berichten aufgeregt, als hätten sie die Baupläne einer geheimen Nuklearanlage in der Hand. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete großräumig von einer solchen Liste, die angeblich die Teilnehmer der am 9. Juni in Kassel eröffnenden „Documenta 13“ aufführe. Nach den Worten von Documenta-Pressesprecherin Henriette Gallus stammt die Liste aber gar nicht von der Documenta und sei außerdem veraltet, unvollständig und falsch, man wolle eine Gegendarstellung.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Was immer nun stimmt oder nicht: Wie bei Bauplänen für Atomraketen lässt sich für den nicht Eingeweihten aus dieser Liste wenig über den Charakter des Projekts ersehen, und es kommt nicht viel mehr als kuratorische Kaffeesatzleserei heraus, wenn man zu ergründen versucht, wieso Carolyn Christov-Bakargiev, die Leiterin der Documenta 13, unter anderen Tacita Dean und Lea Porsager, Michael Potorny und Mark Dion eingeladen habe, dazu viele Mexikaner (Pedro Reyes, Francis Alys, Mariana Castillo Deball, Mario García Torres) sowie, wenig überraschend für eine Kunstschau, die traditionell um Welthaltigkeit bemüht ist, viele Künstler aus der arabischen Welt.

          Eine Geste der Dominanz von kirchlicher Seite

          Wer neugierig ist, kann schon seit Wochen durch die gläsernen Scheiben der Ausstellungsorte schauen, wo unter anderem gerade beeindruckende, nie gezeigte Frühwerke des 1926 geborenen Künstlers Gustav Metzger gehängt werden, der den Holocaust durch eine Rettungsaktion des Refugee Children Movement in England überlebte. Auch kann man einigen Künstlern beim Aufbauen ihrer Arbeiten in den Auen zuschauen: Pierre Huyghe pflanzt hier Kräuter an, „die einen Effekt auf den Körper ausüben“, Sam Durant baut eine abstrakte Galgenarchitektur auf, und schon seit dem Winter zimmert der Kanadier Gareth Moore hier an einer Mischung aus „Walden“ und Favela, einer phantastischen Anlage aus rustikalen Holzhütten.

          Bestätigt werden kann ebenfalls ein absurder Streit: Es ist bekannt, dass Christov-Bakargiev in ihrer Documenta eine Kritik anthropozentrischer Weltsicht versuchen will, was naturgemäß einige Theologen erbost. Gegenüber den zentralen Ausstellungsorten am Friedrichsplatz, auf dem Turm der Sankt-Elisabeth-Kirche, steht nun seit kurzem die Nachbildung eines Mannes mit ausgebreiteten Armen, ein Werk von Stephan Balkenhol, der seit Jahr und Tag öffentliche Orte mit solchen Figuren garniert und nicht von der Documenta eingeladen wurde, deren Spielwiese er nun trotzdem optisch dominiert.

          Christov-Bakargiev ist verstimmt über diese etwas kindische Dominanzgeste, die in einer Tradition klerikaler Bildkontrollmanöver steht. Balkenhols Mann schaut so unberührt über das theoretische Treiben unter sich, wie in Rom die Figur der heiligen Agnes an der Fassade von Borrominis Sant’Agnese in Agone über die Fontana dei Quattro Fiumi seines Widersachers Bernini hinwegsieht. Abbauen will Balkenhol nicht. Nach 1001 Chinesen jetzt falsche Listen und Krach um die künstlerische Kontrolle des Kassler Luftraums: keine Documenta ohne Skandälchen, warum auch nicht, den Besucherzahlen tut es immer gut.

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