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Roboter reden wie Menschen : Bei Anruf Bot

  • -Aktualisiert am

Was er noch zu sagen hatte: Google-CEO Sundar Pichai bei der Vorstellung von „Duplex“. Bild: AP

Google verspricht seit jeher, es lasse Maschinen all die lästigen Dinge des Alltags erledigen. Jetzt übernehmen Computer nicht nur das Reden. Sie klingen auch wie echte Menschen. Was bleibt uns da noch?

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          Es gibt tatsächlich noch Menschen, die sich weigern, auf Anrufbeantworter zu sprechen, „weil sie nicht mit Maschinen reden wollen“, und Telefonhotlines so lange mit allzu menschlichen Wutreden sabotieren („Ich drücke weder eins, zwei noch fünf, verdammt, ich will zu einem Mitarbeiter durchgestellt werden!“), bis die Automatenstimme verstummt und jemand Echtes abhebt. Wer zu dieser vermutlich bald aussterbenden Spezies gehört, der auch Verächter der allzeit auf Kommandos lauschenden Heimdienerinnen Alexa und Co. angehören, möge sich fassen: Es kommt alles noch viel ärger.

          Bald kann die Zartbesaiteten unter uns beim Schrillen des Telefons wieder ein Schock durchfahren wie einst Walter Benjamin in seiner Berliner Kindheit um 1900: Halb ohnmächtig vor Schrecken hob er damals ab, wohl ahnend, dass der Alarm einer ganzen Epoche galt, und lauschte der körperlosen Stimme, die mit unheimlicher Gewalt auf ihn eindrang. Unheimlich, sagten damals Freud und Kollegen, ist das Vertraut-Unvertraute und alles, von dem wir nicht genau wissen, ob es lebendig ist oder tot, beseelt oder seelenlos. Obergruselig: seelenlose Lebendigkeit. Oder eben eine Stimme ohne Körper.

          Das passt auch zu der Künstlichen Intelligenz, die Google-CEO Sundar Pichai gerade auf der Entwicklerkonferenz I/O vorgestellt hat. Duplex heißt das smarte Helferlein, das als Bestandteil kommender Versionen des Betriebssystems Android für maulfaule Nutzer Telefondienste übernehmen soll. Anrufe beim Friseur etwa, zwecks Terminvereinbarung. Oder Reservierungen im Restaurant. Bei der Präsentation klang Duplex‘ Kommunikationsstil täuschend human, inklusive eingestreuter Mhs und Ähs. Wenn man die Sache nur ein bisschen weiterdenkt, kann man davon ausgehen, dass künftig Sprachautomaten auch mit unseren eigenen Stimmen Mitteilungen sprechen werden.

          Wie das funktioniert, zeigte vor wenigen Wochen das schottische Softwareunternehmen CereProc, das aus Samples von aufgezeichneten Reden John F. Kennedys die Ansprache rekonstruierte, die am er am Tag seiner Ermordung in Dallas hatte halten wollen. Zwanzig Minuten spricht er von jenseits des Grabes, vorgetragen in lebhaft modulierter Intonation. Aber diese Kennedy-Rekonstruktion will wenigstens noch nicht Interviews geben oder mit einem telefonieren. Kommt vermutlich noch.

          Ist es da beruhigend, dass jüngere Menschen sowieso lieber texten als am Telefon sprechen? Auch nicht, denn Textbots, die im Internet allgegenwärtig sind, sollen Verwendern von Android auch privat die Last der schriftlichen Dauerkommunikation von den Schultern heben. Google Reply soll in Messenger-Apps zu Ende bringen, was KI mit computergenerierten Vorschlägen für Antworten schon angefangen hat. Schlussmachen per SMS bekommt eine ganz neue Dimension. Oder Schlussmachen per Anruf. Oder Telefonate in Fernbeziehungen. Anrufe bei der Telefonseelsorge? Beim Arzt?

          Es wäre jedenfalls ein Anfang, wenn KI gezwungen würde, sich als solche dem menschlichen Gegenüber vorzustellen. So käme man eventuell ins Gespräch. Oder auch nicht. Wie die Lösung für unsere neuen Kommunikationsprobleme aussehen könnte, kann man derweil schon besichtigen, im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien: Dort sind zwei Bots verschaltet, die miteinander anbändeln sollen. So machen wir es. Wir lassen einfach die Maschinen miteinander allein, am Telefon und per Text. Dann haben wir endlich wieder Zeit, uns unserem physisch anwesenden Gegenüber zuzuwenden. Auge in Auge. Von Mensch zu Mensch.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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