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Serie „Mensch Merkel“ : Tage, an denen ich gern dazugehört hätte

  • -Aktualisiert am

Angela Merkel besucht im September 2015 die Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Bild: Imago

Ein kleines Wort und seine große Bedeutung: In Stunden der Not wusste Angela Merkel Gemeinschaft zu stiften. Mit dem Satz: „Wir schaffen das.“

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          Fünfzig junge Frauen fliehen vor der Zwangsverheiratung. Sie landen an der Küste von Argos und bitten um Asyl. Der König reagiert misstrauisch. „Woher gebürtig soll ich den ungriechischen, in fremder Kleidung und Verhüllung prangenden Barbarenschwarm begrüßen? . . . Und dass dem Land ihr sonder Herold, führerlos, niemandem gastbefreundet, hier dennoch zu nahn getrost gewagt habt, wunderbar erscheint es mir.“ Der König befragt schließlich sein Volk, das der Aufnahme der aus Ägypten kommenden Frauen zustimmt.

          Am 31. August 2015 hielt Angela Merkel eine berühmt gewordene Pressekonferenz ab, in der sie erklärte: „Ich sage einfach, Deutschland ist ein starkes Land.“ Mit entschlossener Kopfbewegung bekräftigte sie: „Wir schaffen das.“ Das hat erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Stück von Aischylos „Die Schutzflehenden“ aus dem Jahr 464/465 vor Christus. Einschließlich des Zögerns und Umschwenkens hatte die Kanzlerin doch noch wenige Wochen vorher einem weinenden Mädchen, einer Asylbewerberin aus dem Libanon, die in Gefahr stand, mit ihrer Familie zurückgeschickt zu werden, erklärt, dass es Gesetze gebe, an die man sich halten müsse.

          An diesem 31. August hätte ich gerne einem Land angehört, in dem eine an der Spitze der Regierung stehende Frau gelassen erklären konnte, dass man es schaffen werde, und damit eine Welle der Bereitschaft zur Aufnahme von einer Million Flüchtlingen auslöste, während Frankreich vorsichtig rechnete und großzügig versprach, innerhalb der nächsten zwei Jahre 24 000 Menschen in Not aufzunehmen. Und das, obwohl ich aus einem Land komme, das einst ein ähnliches Willkommen wie Aischylos und Merkel aussprach, und zwar in Artikel 120 der Verfassung vom 24. Juni 1793. Dort hieß es: Das französische Volk „gewährt Ausländern, die der Freiheit wegen aus ihrem Land verbannt wurden, Asyl“ – eine ferne Verfassung, die leider niemals umgesetzt wurde.

          „Wir schaffen das“ – jenseits der Bedeutung des Satzes, ruhige Selbstsicherheit und Vertrauen in die Zukunft, zeigt die Verwendung des Personalpronomens wir außerdem an, dass die Kanzlerin sich nicht über die Einwohner des von ihr regierten Landes stellte, sondern hervorhob, dass man es gemeinsam schaffen werde. Wie schlicht waren ihre Gesten bei dieser Ansprache, ganz im Einklang mit der Schlichtheit ihrer Worte. Die Gewissensentscheidung war getroffen. Nun würde man alles tun, damit den Worten Taten folgten. Wie bei Aischylos, wo der König „eine Wohnung dicht und still, zu haben mit den andern“ oder auch „zerstreute Häuschen“ anbot, schuf man Gemeinschaftsunterkünfte und organisierte Sprachkurse. Natürlich funktionierte nicht alles reibungslos, doch insgesamt konnte die Kanzlerin schließlich sagen: „Wir haben es geschafft.“

          Die Zeit vergeht, die Umstände ändern sich, und so taucht in einer Fernsehansprache am 18. März 2020, zu Beginn der verheerenden Pandemie, das Wort „wir“ in einer seiner Flexionen abermals auf. „Uns allen fehlen die Begegnungen, die sonst selbstverständlich sind. Natürlich ist jeder von uns in solch einer Situation voller Fragen und voller Sorgen, wie es weitergeht.“ „Uns allen“ und „jeder von uns“. Wie gerne hätte ich auch an diesem Tag einem Land angehört, in dem der Präsident nicht erklärt: „Ich begrüße die Besonnenheit, die Sie bewiesen haben“, um dann, unterlegt mit den Klängen der Nationalhymne, mit „Vive la France“ zu enden, womit er eine klare Trennung zwischen sich und den anderen zieht und das „wir“ umgeht. Wie gerne hätte ich einem Land angehört, dessen Kanzlerin die Fähigkeit besitzt, ihren Mitbürgen in schlichten Worten zu zeigen, dass auch sie ein Mensch mit Gefühlen und Emotionen ist. Dass sie eine von ihnen ist und nicht über ihnen steht. Wenn es ein Wort gäbe, das von Angela Merkel im Gedächtnis bleiben sollte, ein einzelnes Wort, das sie definierte, dann wäre es dieses: Wir. Ein Wort, das sie bei mehreren Gelegenheiten großschrieb und damit adelte.

          Cécile Wajsbrot , 1954 in Paris geboren, ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Essayistin. Zuletzt erschien ihr Roman „Nevermore“ in der Übersetzung von Anne Weber beim Wallstein Verlag.

          Aus dem Französischen übersetzt von Michael Bischoff.

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