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Winrich Hopp im Interview : Beethoven ist ein guter Tischnachbar

Winrich Hopp, künstlerischer Leiter des Musikfests Berlin und der musica viva München. Bild: Fabian Schellhorn

Es gibt bei Gegenwartskomponisten eine neue Unbefangenheit mit alten Titanen. Winrich Hopp spricht über das Musikfest Berlin, Luftkunst mit Maskenpflicht und die Notwendigkeit menschlicher Nähe.

          6 Min.

          Diesen Samstag findet in der Berliner Philharmonie – mit Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin – das erste Orchesterkonzert beim Musikfest Berlin als Festival der Berliner Festspiele in Kooperation mit der Stiftung Berliner Philharmoniker statt. Winrich Hopp, künstlerischer Leiter des Musikfestes und zugleich der musica viva in München, kam eigens nach Frankfurt, um zu erzählen, was es bedeutet, unter Pandemie-Bedingungen ein großes Orchesterfestival mit scharfem Programmprofil zu machen. F.A.Z.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Durchführung des Musikfestes Berlin stand der Pandemie wegen ernsthaft in Frage. Warum ist es so wichtig, dass es jetzt – wenn auch in veränderter Form – trotzdem stattfindet?

          Wir müssen aufpassen, dass die Musik – die Kunst allgemein – in dieser Corona-Pandemie nicht marginalisiert wird. Das kann leicht passieren. Der erste Gedanke war – und der entsprang einer gemeinsamen Stimmungslage –, dass die Berliner Orchester zum Saisonbeginn geschlossen an den Start gehen, unter welchen Bedingungen auch immer. Wir müssen zeigen, dass wir weiterhin Musik machen wollen. Zweitens war es für uns wichtig, an dem Beethoven-Thema festzuhalten, denn das Jubiläumsjahr ist durch Corona ja regelrecht zerbröselt. Zugleich wollten wir das Beethoven-Jubiläum gezielt nutzen zu einem Statement für die Gegenwartsmusik, für die Musikschaffenden insgesamt, denn sie sind akut besonders gefährdet. Wenn wir über Musik reden, meinen wir meistens Konzerte, aber wir müssen uns darüber klarwerden, dass auch das gefährdet ist, was vor den Konzerten stattfindet: nämlich die Proben. In der jetzigen Situation müssen wir noch nach geeigneten Probenräumen für die Ensembles suchen. Das Musikmachen insgesamt ist problematisch geworden. Alles in allem ist die Pandemiezeit eine Mangelzeit. Es können gar nicht genug Konzerte gegeben werden, um die Orchesterdienste abzurufen, die Abonnentenverträge zu erfüllen und Tickets im freien Verkauf anzubieten. Dadurch entstehen Ausgrenzungen. Deshalb haben wir jetzt gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern die Initiative „Musikfest Berlin digital“ gestartet: Wir werden viele Konzerte über die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker und die Streaming-Plattform der Berliner Festspiele on demand ausstrahlen. Damit können alle Menschen, die entweder kein Ticket bekommen oder einem Konzertbesuch distanziert gegenüberstehen oder nicht anreisen können, verfolgen, was wir da machen. Schließlich gehen wir mit öffentlichen Geldern um, also müssen wir dafür Sorge tragen, dass ein Zugang gewährleistet wird für die Menschen, die das ja vermittelt mitfinanzieren. Auch wenn nicht alle davon Gebrauch machen.

          Wie sehen denn die Bedingungen konkret aus, unter denen das Musikfest stattfinden wird?

          Wir haben alle Veranstaltungen aus dem Kammermusiksaal in den großen Saal der Philharmonie transferiert und spielen dort im August vor rund 450 Leuten, im September für rund 630. Vielleicht geht die Kapazität noch ein bisschen nach oben. Die Atmosphäre in den Konzerthäusern ist mit all den Richtlinien und Handlungsanweisungen zurzeit ziemlich nüchtern, auf Berlin gemünzt: unsexy. Das Feuer der Künstler aber wird das alles vergessen machen. Davon bin ich überzeugt. Die Gastorchesterkonzerte sind aus vielerlei Gründen erodiert, teilweise sind die Tourneen nicht mehr zustande gekommen. Das jetzige Programm versammelt die großen Berliner Orchester und die ursprünglich eingeladenen großen Ensembles für Gegenwartsmusik. Dazu Igor Levit mit dem Zyklus aller 32 Klaviersonaten von Beethoven. Das Porträt der Komponistin Rebecca Saunders konnten wir, trotz einiger Verluste, sogar ausbauen. Wir haben über 30 Veranstaltungen und spielen bis zum 23. September. Also der Tisch ist reich gedeckt.

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