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Willy Brandt zum 100. Geburtstag : Torquato Tasso trifft Willy Brandt

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Wie sich die Gesten gleichen im Jahr der großen Figuren: Kanzler Willy Brandt mit himmelstürmender Schwurhand in Bonn bei seiner Vereidigung am 21. Oktober 1969 (mit Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel) - so wahr ihm Gott helfe; und Bruno Ganz mit himmelsichernder Schwurhand als Torquato Tasso am 30. März 1969 in Peter Steins Bremer Goethe-Inszenierung - denn ihm gab ein Gott zu sagen, was er leide. Bild: dpa, Günter Vierow

Rückblick auf die Zeit, als die Bundesrepublik noch glücklich und das Theater noch wichtig war: Erinnerung an die Regierungsjahre der Emotion unter der Herrschaft einer seltsamen Lichtgestalt.

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          Auf dem Tisch werden im Laufe des Abends des 21. Oktober 1969 die Weinflaschen (1967er Stettener „Pulvermächer“) immer mehr. Der Vater trinkt sich in eine Art Verzweiflung hinein, die er mit etlichen „Ja, aber ...!“- und „Dees got doch net!“-Schüben einerseits auflädt, andererseits durchbricht. Am Morgen, um 11.20 Uhr, hatte im Bundestag zu Bonn am Rhein ein Mann mit seiner reibeisenrauhen, dunkel norddeutschen Stimme laut gesagt: „Ja, Herr Präsident, ich nehme die Wahl an“, der diese Wahl, wäre es nach dem Vater und seinen Freunden und Bekannten und Altersgenossen gegangen, nie hätte annehmen dürfen. Es war für sie wie ein Epochen-Ende. Ein Absturz.

          Dem Sohn dagegen, der am anderen Ende des Tischs, auf dem, wie gesagt, die Weinflaschen zwischen den beiden immer mehr wurden (nach dem „Pulvermächer“ der Stettener „Häder“, Jahrgang 1965), sich in eine Art Freude hineintrank, die er mit etlichen begeisterungssatten „Ja, jetzt ko i gar nemme!“-Schüben einerseits auflud, andererseits zu Teilexplosionen brachte, war die Wahl des Mannes höchst angenehm. Es war für ihn und seine Freunde und Bekannten und Kommilitonen wie eine Epochenwende. Ein Aufbruch. Aber auch wie ein Spiel. Eine hinreißende Szene.

          Er fand, der Mann, der da so schlicht theatralisch die Wahl annahm, hätte auf eine größere Bühne gehört, als sie der Bundestag bot. Eine richtige Bühne. Aufs beste deutsche Theater. Das stand damals in Bremen. Er war schließlich nichts weniger als ein Held. Und wohl auch eine Figur, für die heldenhafte literarische und theatralische Leute Wahlkampf gemacht hatten, lauter Größen: der Komponist Hans Werner Henze, die Dichterin Ingeborg Bachmann, der Regisseur Fritz Kortner, der Schriftsteller Günter Grass, die Schauspieler Agnes Finck und Bernhard Wicki.

          Eine Geste, die Geschichte schrieb: Das Foto von Willy Brandts Kniefall in Warschau ging im Dezember 1970 um die Welt. Bilderstrecke

          Zwar hatten der Vater und seine Freunde und Bekannten, denen er im örtlichen „Stenografenverein von 1893“ seit Jahrzehnten ein schier unabwählbarer Dauervorsitzender war, der sie mit Stenografen-Bällen, Stenografen-Wanderungen oder auch Stenografen-Autorallyes und naturgemäß mit Stenografen-Wettschreiben bei Laune hielt, auf die Kanzler Adenauer („der alte Sack“), Erhard („die weiche Null“) und Kiesinger („der Schönschwätzer ond d’rzu no alter Nazi“) geschimpft (wiewohl man auf Kiesinger auch ein bisschen schwabenstolz war, weil er „oiner von onsere Leut’ isch“). Und sie hatten sich insgeheim nach dem einen, dem starken Manne gesehnt, der alles Gesellschaftliche, Politische und vor allem Wirtschaftliche dergestalt regeln würde, dass es ihnen und vor allem ihren Geschäften zupasskäme.

          Ohne den Schmutz der deutschen Geschichte

          Aber keiner hatte je einen Zweifel daran gelassen, dass die Regierung der Bundesrepublik Deutschland, der ja hinter der Elbe die Ostzone (die man später die DDR zu nennen sich mühsam angewöhnte) und „der Russe“ entgegenstanden, in die Hände der naturgemäß unabwählbaren Regierungspartei gehörte. Und das war gott- und politikgegeben die Christlich Demokratische Union. Ganz Halb-Deutschland von 1949 bis in alle Ewigkeit sozusagen der größere nationale Abglanz des kleineren „Stenografenvereins von 1893“.

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