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Willy Brandt zum 100. Geburtstag : Torquato Tasso trifft Willy Brandt

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Wider die Wirklichkeit

Und so traf Torquato Tasso auf Willy Brandt: der ästhetische „Emotionalclown der Herrschenden“ in politischer Funktion als Scheinlichtbringer auf den herrschenden politischen Emotionalclown in ästhetischem Glanz als Lichtgestalt. Wobei man „Clown“ bitte in seiner melancholischsten, pierrothaftesten Erscheinungsform zu begreifen hatte und Steins kritischer „Tasso“ das Theater- und Zuschauer- und Kritikervolk ebenso provokant spaltete wie der unantastbar erhobene Brandt das Wahlvolk. Beide aber fungierten als Stars von Stimmungen einer Epoche politisch-ideologischer Empfindsamkeitsstrenge mit Sturm-und-Drang-Sahnehäubchen. Alles Wirkliche, Reale, am Boden, nicht in Wolken Auszumachende galt ihr als Schall und Rauch. Und alles ihr Entgegenstehende, Konservative fegte sie einfach weg beziehungsweise fühlte sie weg.

Als Willy Brandt 1972 zur Bundestagswahl mit der einfachsten aller Losungen: „Willy wählen“ einen Kanzlerwahltriumph sondergleichen einfuhr, war Peter Stein sozusagen auf den Schultern Tassos zu so etwas wie zum triumphalen Theaterkanzler Deutschlands aufgestiegen: als unantastbarer Chef der Berliner Schaubühne, dem führenden deutschen Theater, das zwar auch in künstlerischen Sachen ein Mitbestimmungsmodell exerzierte, wobei aber nie unklar war, wer das Sagen hatte. Und gegen alle eventuell aufkommenden Realisten räumte Steins Kleist-Inszenierung des „Prinzen von Homburg“, natürlich in Gestalt des Bruno Ganz, der den Homburg spielte, den abgehobenen, weltverlorenen Träumern und Schlafwandlern ihr wunderbares Recht ein. Gegen alle Wirklichkeiten. „Ein Traum - was sonst“ wurde zur Losung: Tasso hatte sich von einer kritischen und kritisierten Figur im Homburg zu einer trotzigen verwandelt.

Die Realität holte sie ein

Wer aber auf Schultern erhoben und erhaben steht, siedelt dort nur auf Zeit. Solange die Schultern das aushalten. Und wenn die Schultern aus hässlichen Realitäten bestehen, brechen diese gern ein oder weg. Unter Brandt brachen aus und ein: der tückische Wehner („Der Kanzler badet gern lau“, „Regieren soll er, nicht erigieren!“), der tüchtige, in den Kanzlerstartlöchern präventiv scharrende Schmidt, die Ölkrise, die Inflation, der unsagbar dicke ÖTV-Chef Kluncker, der für seinen öffentlichen Dienst fabulös irre Tariferhöhungen (vierzehn Prozent) herausschlug. Schon Brandts erster Finanzminister Alexander Möller verabschiedete sich mit einem „Genossen, lasst die Tassen im Schrank!“ aus dem Kabinett. Dazu kam Guillaume, der Stasi-Spitzel im Kanzleramt, der unterm Biedermann-Tarnhelm herumfuhrwerkte. Der Kanzler nahm seine Depressionen, seine Auszeiten, seine Müdigkeiten: als wären das Arzneien gegen die Wirklichkeit da unten. Bis diese ihn fallenließ.

Peter Stein sagte in einem berühmt gewordenen Gespräch mit Berliner Berufsschülern 1985, er und sein Theater, das auf dem „Tasso“ gründete, seien „am Boden angekommen“. Willy Brandt war schon elf Jahre zuvor auf dem Boden angekommen. Dann übernahm Helmut Schmidt die Wirklichkeitsgeschäfte. Und auf dem Tisch zwischen Vater und Sohn wuchs wieder die Zahl der Weinflaschen (Stettener Trollinger, Jahrgang 1969). Und während sich der Vater in eine Freude hineintrank, die er mit etlichen „Sodele!“-Ausrufen sowohl unterbrach als auch steigerte, prostete der Sohn still dem Mann in den Wolken zu, den er dort nicht mehr fand.

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