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Willy Brandt zum 100. Geburtstag : Torquato Tasso trifft Willy Brandt

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Aber es schien dem einen oder anderen (bitte, mehr dem einen), dass der 21. Oktober 1969 nicht eigentlich den Beginn der Herrschaft des Willy Brandt im großen Gesellschaftshaus der alten Bundesrepublik markierte, die damals freilich noch recht jung und unflügge war, kaum zwanzig Jährchen alt. Sondern dass der Beginn der kanzlerhaften Herrschaft der großen Emotion schon der 30. März 1969 war. An diesem Tag betrat der Dichter Torquato Tasso in Peter Steins Goethe-Inszenierung die Bremer Premierenbühne. Gespielt von Bruno Ganz. Jutta Lampe war die Leonore von Este, Edith Clever die Gräfin, Werner Rehm der Staatssekretär Antonio Montecatino, Wolfgang Schwarz der Herzog von Ferrara. Womöglich die folgenreichste, die berühmteste Inszenierung des Jahrhunderts. Der eine ganze junge Generation zu Füßen lag.

Prachtvolle naiv-linke Dramaturgie

Wer nicht dabei war und sie nicht sehen konnte, war durch seitenlange Rezensionen und Essays und Debatten über jedes ihrer Details wenigstens theoretisch informiert. Es wurde da - es ist auf DVD auch den Nachgeborenen zur Nachprüfung zugänglich - ein seltenes Kunststück geboten. In unnachahmlich schöner Form, vor allem Sprachform, die jede Hebung und Senkung des Goetheschen Verses perfekt erfüllte, jeden hohen Ton in Vollendung ausmusizierte und so dem Anspruch des alten Stücks auf klassisches Ebenmaß gerecht wurde, vollzog sich mitspielerisch zugleich die aktuelle, die neue Kritik am alten Stück und an den Figuren, vor allem der Titelfigur.

Dem Dichter Tasso, der ein Politiker sein beziehungsweise einem Politiker gleichkommen will und sich mitten in der politischen Wirklichkeit wähnt, umkränzt mit dem Lorbeer des Dichterfürsten (gemeint war natürlich damit auch Goethe, der Dichterfürst und Fürstendichter), wird der Boden unter den Füßen weggezogen - indem er aufsteigt und auf den Schultern des Staatssekretärs Antonio sich am Felsen festhält, „an dem er scheitern sollte“. Gegen den er sogar den Degen zog, um Respekt einzufordern. Eines der ikonographischen Zeichenbilder der Bremer „Tasso“-Inszenierung zeigt den prinzenhaft höhnisch über der Szene schwebenden Bruno Ganz, wie er auf den Antonio-Schultern Werner Rehms aus dem Raum getragen wird. Der, wie sie ihn in Steins Dramaturgie nannten, „Emotionalclown“ der Herrschenden, der denen, die über ihn bestimmen, den schönen Schein seiner Dichtung als Rechtfertigung ihrer Herrschaft liefert. So prunkvoll naiv-links dachte man damals noch dramaturgisch.

Die Politik war Theater und das Theater Politik

Damit begann die Epoche der Regietaten, die nicht ein Stück spielten, sondern das, was sie von diesem Stück und seinem Wert für die Gesellschaft hielten und von dem, was es an kritischem Potential zur Verbesserung der Gesellschaft bereitzustellen imstande war. Das war der Versuch, „ästhetische und politische Phänomene zusammenzudenken“, wie das Botho Strauß ein wenig später nannte, als er vom Theaterkritiker zum Dramaturgen (bei Peter Stein) mutiert war - bevor er sich auch noch als Dramatiker bewährte.

Das Theater wurde zum Aufreger, das Schaugewerbe zur Politik, die Politik aber zu großem Theater. Die sich aber beide in ihren Galionsfiguren durchaus unpolitisch verwirklichten: Auf Stars war nicht zu verzichten. Wiewohl mit dem Intellektuellen Tasso auch die Illusion kritisch aus dem Saal getragen wurde, dass die Intellektuellen, die Dichter gar, dem Staate und der Politik gebieten können sollten. Das richtete sich in der Regie des unzeitgemäßen Peter Stein gegen die große Illusion der damaligen Zeit, der die Dramaturgien wie die Universitäten gerne erlagen.

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