https://www.faz.net/-gqz-7kb1m

Willy Brandt zum 100. Geburtstag : Torquato Tasso trifft Willy Brandt

  • -Aktualisiert am

Dass jetzt die Sozialdemokraten („die Sozen“), die man sowieso für Kommunisten hielt, mit Hilfe einer verräterischen „alten Umfallerpartei“ (Herbert Wehner) namens F.D.P. (die heute kaum noch einer kennt) den Kanzler stellten, nachdem sie zuvor in einer ungeliebten Großen Koalition von der CDU diszipliniert zu sein schienen, empfand man als ungehörig. Zumal der neue Kanzler nicht das Schicksal des Vaters und seiner Freunde und Bekannten teilte, die man frisch von den Schulbänken weg in den Krieg gezwungen hatte, während Willy Brandt, der sowieso gut zehn Jahre älter war als sie, in die Emigration nach Norwegen ging. An ihm klebte nicht der Schmutz der deutschen Geschichte, sondern es hing an ihm der Glanz des deutschen Anstands, der ihn ein Jahr später in Polen die Knie beugen ließ vor dem Denkmal für die ermordeten Juden des Warschauer Gettos. Und ihm den Friedensnobelpreis einbrachte.

Er hatte nicht nur deshalb etwas seltsam Unwirkliches beziehungsweise der Wirklichkeit Enthobenes um sich. Selbst ganz einfache Sätze oder Floskeln wie „Wenn ich mich so umgucke“ oder „Guten Abend“ oder „Meine sehr geehrten Damen und Herrn“ wirkten, da er sehr langsam redete, pausendurchbrochen die tiefgeriebene, wohl auch hie und da alkoholgegerbte Stimme erhob, als wäre seine Sprache grübelnd Höherem abgerungen.

Der Weltgeist spricht aus ihm

Wie aber erst dann, wenn er autofreie Sonntage (während der ersten Ölkrise, 1973) verkündete oder die Nachbarschafts- und Grundlagen-, also die sogenannten Ostverträge mit der DDR, Polen und der Sowjetunion öffentlich redend durchsetzte: Das schien alles weniger reale Politik, sondern Ausdruck und Ausfluss höherer Weisheit und Gerechtigkeit, bewegt und getragen von einer Emotion, die „heilig“ oder „welthistorisch“ zu nennen vielen ein Bedürfnis war.

Wiewohl Brandts Ostpolitik tiefe Keile in deutsche Gesellschaften und Familien trieb in Form erbitterter, manchmal sogar handgreiflich werdender Diskussionen im Für und Wider: Darf man „dem Iwan“, der bis an die Zähne bewaffnet an der Grenze lauert, vertraglich trauen? Darf man ehemals deutsche Ostgebiete als Staatsgebiet fremder Staaten anerkennen? Ist das nicht Verrat? Es gab dieserhalb viel Geschrei quer durch die Reihen und im Bundestag erbitterte Kämpfe. (Nur zwischen Vater und Sohn wuchs allein ganz friedlich die Zahl der Weinflaschen auf dem Tisch.)

Und weil dies in Brandts Rhetorik oft begleitet ward von fingernd suchenden Gesten seiner rechten Hand, so wie es die Brandt-Statue im Foyer des Berliner SPD-Hauptquartiers ja auch für alle Ewigkeit in Bronze gegossen zu haben scheint, hatten des Kanzlers Worte allemal den Anschein weniger von Verlautbarung, mehr von Verkündigung. Ja, gar von Poesie. Als spräche gar nicht er selbst. Als spräche es aus ihm.

Inszenierung des Jahrhunderts

Man konnte es auch körperlich spüren: Brandt wirkte immer so, als befinde er sich weniger inmitten einer Wirklichkeit, als stünde er vielmehr wie auf den Schultern der Wirklichkeit. Ein Getragener. Erhobener. Als nehme ihn das Land als einen Besonderen auf sich. Wenigstens eine Zeitlang. Denn er war der Politiker, der in Gehabe und Sprache auch als Dichter durchgehen konnte. Dem ein anderer Dichter (Grass) den Satz in seine erste Regierungserklärung schreiben sollte, der zur rhetorischen Ikone seiner Kanzlerschaft wurde: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Was überhaupt nicht nach Absicht oder Aufforderung oder Arbeitsanweisung oder Selbstermunterung, sondern gleich nach Verheißung klang. In Ruhmesstein gemeißelt. Als bräche man jetzt neu auf in ein gelobtes Land neuer Freiheit - in einer Bombenstimmung. Glücklicher und gelöster und zuversichtlicher hat sich das Land selten gefühlt. Und über allem schwebend: Willy, mit dem Lorbeer der Ausnahmeerscheinung bekränzt. Dem eine ganze junge Generation zu Füßen lag.

Weitere Themen

Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.