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Willy Brandt auf der Bühne : Willy singen

  • -Aktualisiert am

Ein Abend mit Kanzler Brandt und Spion Guillaume: Michael Frayns Nicht-Drama „Demokratie“ wird im Deutschen Theater in Berlin vom Dokumentarspiel zur Schlagerparade aufgehübscht.

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          Was verbinden wir mit Willy Brandt? Vor allem den Namen eines Berliner Flughafens, der nie fertig wird. Sodann den Namen eines Bundeskanzlers (SPD, 1969 bis 1974), der mit seiner Kanzlerschaft nicht fertig wurde. Weswegen er, auch durch die Mithilfe eines DDR-Spions im Kanzleramt, von ihr zurücktrat. Drittens den Namen einer Art mythologisch-politischen Bekiffungsmittels („Willy wählen!“), mit dem die linksliturgische Jugend um 1970 herum durchs Leben taumelte. Viertens endlich eine von zwei Häupterpersonen in dem Nicht-Drama „Demokratie“ (2004) des Engländers Michael Frayn.

          Keine Tragödie, eine Dokumentödie

          Die andere darin ist Günter Guillaume, Stasi-Offizier und DDR-Spion, der Willy zwar liebte, aber ihn getreu dem SED-Parteiauftrag verriet. Kein mühevolles Drama, eine mühelose Recherche. Die schon in allen Zeitungen stand, von Frayn nur arrangiert ward. Schmidt (Brandt-Nachfolger), Ehmke (Brandt-Getreuer), Genscher (Brandt-Misstrauer), Wehner (Brandt-Feind), Nollau (Verfassungsschutz-Chefflasche als Brandt-Schädiger) - alle als Stichwort- und Charakterchargen auch dabei. Keine Tragödie - eine Dokumentödie.

          Jetzt aber, im ehemaligen Hauptstaatstheater des DDR-Staates, der Brandt stürzen half, im Deutschen Theater also zu weiland Ost-Berlin, wird aus Frayns Nicht-Stück eine Schlagerparade. Eingebettet in eine Stasi-Siegesfeier („Vorwärts auf Kampfkurs!“) zur Heimkehr Guillaumes aus BRD-Haft. Gesinnungsbeifall der postsozialistischen Premieren-Bourgeoisie im Parkett für den Heimkehrer!

          Dann Showtime. Günter erzählt mittels Songs und Chansons, wie das so war in Willys Nähe. Und Udo Jürgens, Hildegard Knef, Rudi Carell, Roland Kaiser, Georg Kreisler et al. liefern den Soundtrack. Das Ensemble twistet, rockt, swingt, rapt, albert im Playback-Slapstick-Verfahren dazu. Es soll „Rote Rosen regnen“, wenn Willy Kanzler wird, und wenn Willy depressiv ist, ist er mit Hilde Knef zusammen „zu müde, um schlafen zu gehen“. Und Genscher posaunsächselt im Chor mit: „Wir machen Musigg, da geht eich der Huuud hooch!“.

          Er tat es nur aus Liebe

          Videos toben. Ehmke spielt Saxofon. Guillaume singjohlt „Ich tat es nur aus Liebe“. Und der im Ost-Theater vielquatschbeschäftigte Videoschnauzeschnipsler Jürgen Kuttner, der den Kanzlerreferenten Wilke und den Stasi-Chef zugleich gibt, raunzt was von Klassenauftrag und singt, wenn Willys Frauengeschichten herauskommen, per Video Leporellos Vögel-Registerarie („. . . und in Spanien 1003!“) aus „Don Giovanni“.

          Dieweil gibt Helmut Schmidt den hochneurotischen Zappelphilipp. Aus dem Nicht-Stück wird so immer noch kein Drama, aber der Eindruck vermittelt, als lasse sich westdeutsche Zeitgeschichte auf Juxniveau herunterbrechen. Und der alte ostdeutsche Staatsklassenfeind haut sich auf die Schenkel. Auch wenn die Schenkel aus Papier sind. Gesinnungsjubel.

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