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Gina Thomas (G.T.)

Kolonialismusdebatte : Abturnend

  • -Aktualisiert am

Sklaven über Bord: J.M.W. Turner verstand sein „Sklavenschiff“ sicherlich nicht als Verteidigung der Sklaverei. Bild: Picture Alliance

Großbritannien wird immer politisch-korrekter: Der Maler William Turner soll ausrangiert werden, weil er Sklavenhandel guthieß und Rauchschwaden malte. Historiker protestieren.

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          J. M. W. Turners „Sklavenschiff“ gehört zu den flammendsten Anklagen gegen die Inhumanität des Menschenhandels. Als solche empfand es denn auch der Kritiker John Ruskin. Sein Vater hatte die Darstellung der über Bord geworfenen Sklaven, die durch die Brutalität ihrer Mitmenschen den Elementen ausgeliefert sind, 1843 für ihn erworben. Drei Jahre zuvor war es in der Royal Academy wegen des schockierenden Inhaltes, aber vor allem aus ästhetischen Gründen auf Ablehnung gestoßen.

          In Ruskins Augen lieferte Turners Werk mehr als jedes andere den schlagendsten Beweis für dessen Unsterblichkeit. Aber Ruskin konnte die beunruhigende Thematik nicht mehr ertragen und entschloss sich zum Verkauf. Er pries das Gemälde amerikanischen Sammlern 1872 als den vielleicht stärksten Ausdruck der wahren Entrüstung gegen den Sklavenhandel – nicht, wohlgemerkt, gegen die Sklaverei – an, „der je von verständigen Menschen in England verspürt worden ist“.

          Bloß nicht idolisieren

          Von einer Bostoner Sammlerin erworben, die Kultur als das wirksamste Mittel zur sozialen Reformanregung betrachtete, beflügelte das von progressiven Christen als „Predigt gegen den Sklavenhandel“ bezeichnete Gemälde den Aufschrei gegen gewaltsame Unterdrückung in fernen Ländern. Im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert diente die Botschaft sogar als moralische Rechtfertigung für amerikanische Interventionen in Schwellenländern.

          Nun wird das „Sklavenschiff“ in einer Ausstellung über Turners humanitäres Engagement mit der modernen Welt in einen Zusammenhang mit der gegenwärtigen Kolonialismusdebatte gestellt. In der Einleitung zum Katalog warnt Alex Farquharson, Direktor der Tate Britain, davor, Turner zu idolisieren, denn dieser habe sich 1805 an einer jamaikanischen Rinderfarm beteiligt, die Sklaven einsetzte. Bezeichnend für die Neigung, die Vergangenheit an den Kategorien von heute zu messen, ist auch Farquharsons Hinweis, Turner habe nicht wissen können, dass seine Darstellungen von Emissionen der neuen Dampfmaschinen die Anfänge der Erderwärmung dokumentierten. Die Beobachtung geht mit einer Rüge einher. Als führende Industriemacht sei Britannien damals der bei Weitem größte Emittent von Kohlendioxid gewesen, das zum Klimawandel beigetragen habe.

          Gegen derartige Ins­trumentalisierungen der Vergangenheit für politische Zwecke will sich nun eine Gruppe namhafter Historiker unter dem Vorsitz von Robert Tombs und David Abulafia verwahren, die sich „History Reclaimed“ nennt. In der Kolonialismusdebatte wird die Wendung „Das Empire schlägt zurück“ gern ins Spiel gebracht. Nun kommt ein koordinierter Gegenschlag der Historiker gegen die neuen Orthodoxien.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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