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Ein Pate für den Brexit : Shakespeare, der englische Patriot

Im eigenen Land offenbar weniger verstanden als in Übersee: William Shakespeare. Bild: dpa

Niemand sei so durch und durch englisch wie Shakespeare, heißt es. Der Dichter hat deshalb schon für politische Anliegen aller Art herhalten müssen – jetzt auch noch für den Brexit.

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          Es hat lange gedauert, bis Jeremy Corbyn sich schließlich dazu durchrang, öffentlich in der Debatte über Britanniens Zukunft in Europa Stellung zu nehmen. Als Ort für seine Grundsatzrede wählte der Oppositionsführer Senate House, das faschistoide Verwaltungsgebäude der Londoner Universität, das George Orwell in „1984“, seiner bitteren Satire auf den Totalitarismus, als einen riesigen, pyramidenartigen, weiß schimmerndem Betonbau karikierte, der sich terrassenförmig dreihundert Meter hoch in die Luft reckte.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Senate House wurde im Zweiten Weltkrieg für die euphemistisch als „Informationsministerium“ bezeichnete Propaganda-Abteilung der Regierung requiriert, in deren Dienst Orwell zwischen 1941 und 1943 die für Indien bestimmten Sendungen betreute. Darauf basiert seine Darstellung des Wahrheitsministeriums, in dem Winston Smith alte Ausgaben der „Times“ nachbessern muss, um frühere Aussagen des Großen Bruders mit dem in Einklang zu bringen, was später eingetreten ist.

          Diese Verbindung und Corbyns frühere Haltung zu Europa - er hatte 1975 in der Volkabstimmung gegen die Mitgliedschaft der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gestimmt und sich auch den Abkommen von Maastricht und Lissabon widersetzt - haben Kommentare witzeln lassen, ob die Bekehrung des Labour-Politikers vom Europa-Gegner zum Befürworter auch eine Form der politisch motivierten Wahrheitsmanipulation gewesen sei. Sein vielerorts als halbherzig empfundenes Bekenntnis zu Europa entbehrte freilich des beschwingten Pathos, das die Euroskeptiker ins Spiel bringen, wenn sie die Geschichte des Inselvolks beschwören und - oft in Anlehnung an Shakespeare - behaupten, als Einzige für England zu sprechen.

          Trostpflaster Shakespeare

          Senate House böte sich in Hinblick auf seine Vergangenheit vielleicht als angemessenen Rahmen für diesen Interessenkreis an. Denn hier wurde zur moralischen Aufrüstung im Kampf gegen Hitler Laurence Oliviers berühmte Verfilmung von Shakespeares „Heinrich V.“ in Auftrag gegeben, die im November 1944, nach der Landung in der Normandie, in die Kinos kam und den Kommando- und Luftlandetruppen Großbritanniens gewidmet war in der Hoffnung, dass es gelungen sei, den Geist ihrer Vorfahren zu erfassen. Auf die flammenden patriotischen Ansprachen des Königs an sein verzagendes Heer haben die Briten in nationalen Krisenzeiten wiederholt zurückgegriffen.

          Wie Shakespeare, dessen Geburts- und Todestag so günstig auf das Heiligenfest des englischen Schutzpatrons fällt (oder gelegt wurde), denn überhaupt unentwirrbar verwoben ist mit dem britischen Selbstbild. Seit seiner Wiederentdeckung im Zusammenhang mit der sich vor allem gegen Frankreich definierenden nationalen Erneuerung im achtzehnten Jahrhundert dient er als nationale Ikone, als Quintessenz der nach Bedarf auf Britannien dehnbaren Vorstellung des „Englischen“ und, wie die Historikerin Linda Colley hervorgehoben hat, seit dem Niedergang des Empires als Trostpflaster für die geschwundene Macht.

          Vom Welteroberer zum Werbeträger

          „England und Shakespeare sind jetzt austauschbare Begriffe“, jubelte 1830 ein Bürger seiner Geburtsstadt Stratford-upon-Avon, die keine Beachtung fand, bis sie 1769 durch ein von dem Schauspieler David Garrick prunkvoll inszeniertes Shakespeare-Fest zum Zentrum der „Bardolatrie“ wurde. „Niemand ist so durch und durch englisch wie Shakespeare, englisch in dem Ort und den Umständen seiner Geburt, englisch in der Halbbildung, die er in dem örtlichen Gymnasium erhielt, englisch in dem Abenteuergeist, der ihn dazu führte. sich in London irgendwie durchzuschlagen“, schrieb einer der Autoren einer internationalen Hommage, die anlässlich der mitten in den Ersten Weltkrieg fallenden Dreihundertjahrfeier zusammengestellt wurde. Das Buch war als Ehrenmal gedacht, das die in universaler Anerkennung des größten Engländers verbundene „geistige Brüderschaft der Menschheit“ symbolisieren sollte.

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