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William Shakespeare geimpft : Wie es euch beschützt

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William Shakespeare von heute: der einundachtzigjährige Herzpatient wurde in der nähe von Stratford-upon-Avon geimpft Bild: Reuters

Der zweite Patient, der in Großbritannien geimpft wurde, trägt einen prominenten Namen. Aber der Wert des Theaters, für den dieser Name weltweit steht, ist in der Kulturnation kräftig gesunken.

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          Jetzt, wo William Shakespeare geimpft wurde, muss es doch langsam wieder aufwärts gehen mit der Kultur. Gleich nach der ehemaligen Juwelierangestellten Margaret Keenan ließ man in Großbritannien einen Mann an die Impfnadel, der den Namen des Nationaldichters trägt. Nur rund zwanzig Meilen entfernt von dessen Geburtsort Stratford-upon-Avon ließ sich der einundachtzigjährige Patient, der nach einem Herzinfarkt schon seit Wochen ohne Familienbesuch in der Universitätsklinik von Coventry liegt, den neuartigen Impfstoff in den linken Arm injizieren.

          Der Satz, den er dabei den Reportern zurief, klang allerdings nicht wie aus einem Shakespeare-Stück, sondern eher wie jene schlichte Hoffnung, die gerade Milliarden hegen: „Es könnte unser Leben ändern.“ Dass die Briten einen Mann mit dem noch immer berühmtesten Namen ihres Landes öffentlichkeitswirksam impfen, wurde weltweit als symbolisch gewertet. Auf Twitter wurden Stücktitel situationsgerecht abgeändert: Aus „The Taming of the Shrew“ etwa wurde „The Taming of the Flu“ („Die Bezwingung der Grippe“), die „zwei Herren aus Verona“ kamen jetzt kalauergerecht aus „Corona“. Ist Großbritannien doch die wahre Kulturnation?

          Die Seuche als Strafe Gottes

          Jedenfalls wusste es schon immer um den Wert seiner Theater. So hatte die in Shakespeares Zeit aufblühende Bühnenkunst von Beginn an nicht nur Freunde, sondern auch leidenschaftliche Gegner. Die Puritaner sahen in den Theatern, die sich im Vergnügungsviertel südlich der Themse befanden, die zentralen Stätten von Sünde und Zügellosigkeit und gaben ihnen die Schuld daran, dass als „Strafe Gottes“ immer wieder die Pest ausbrach. Wenn innerhalb einer Woche mehr als dreißig Bewohner Londons an der Pest starben, mussten zuerst die Theater dichtmachen. Allein zwischen 1603 und 1613 blieben die Theater insgesamt achtundsiebzig Monate lang geschlossen, also im Durchschnitt sieben Monate im Jahr. Dagegen ist das, was wir im Moment „Kulturlockdown“ nennen, wohl eher ein Lockdownchen. Als der historische Shakespeare, über dessen wahre Identität es mindestens so viele Verschwörungstheorien gibt wie über die Wirkweise des jetzt entwickelten Impfstoffs, um das Jahr 1604 herum seinen „King Lear“ schrieb, soll er wegen eines Ausbruchs der Seuche gerade wieder einmal in Quarantäne gewesen sein. Die Krise war also ein ständiger Begleiter des englischen Theaters. Seine systemgefährdende Wirkung auf das Zeitgeschehen wurde dabei als so hoch erachtet, dass man seine Schließung als Mittel einsetzte, um den strafenden Gott gnädig zu stimmen.

          Ein solches Gewicht haben die Theater heute nicht mehr. Schon gar nicht in Großbritannien, wo einem arglosen Kulturminister auf dem letzten Höhepunkt der Corona-Krise nichts Besseres einfiel, als von Prioritäten zu sprechen, die man bei der staatlichen Unterstützung mit Blick auf unwirtschaftliche Geschäftspläne von Theatern setzen müsse, damit „nicht gutes Geld schlechtem hinterhergeworfen“ werde. Für die Seuche werden die Theater heute also nicht mehr verantwortlich gemacht, sondern nur noch für unnütze Staatsausgaben. Damit sind sie ganz im herrschenden (Wirtschafts-)System angekommen. Dass der William Shakespeare von heute kein gutes Wort für sie übrig hatte, ist mithin mehr als verständlich: Er dachte nicht an seinen Namen, sondern nur daran, wann er endlich seine Frau und seine Kinder wiedersehen darf.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

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