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Willem-Alexanders Krönung : König der Republik

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Prinz Willem-Alexander, Königin Beatrix und Prinzessin Maxima Bild: dpa

Das Land ist für seine republikanische Tradition bekannt. Man ist hier gerne nonkonformistisch. Aber niemand rühre das Königshaus an! Wie sich die Niederlande auf die Krönung Willem-Alexander I. vorbereiten.

          3 Min.

          Die ganze Welt schaut an diesem Dienstag auf die Niederlande, weil das Land einen neuen Monarchen bekommt, Willem-Alexander I. Weltgeschichte hat seine Nation freilich als Republik geschrieben, als eine der letzten Bastionen gegen Königsherrschaft und Adelsmacht, von reichen und schlauen Kaufleuten geführt, von mächtigen Handelsprofiten der Überseeschiffe finanziert und von genialen Malern wie Rembrandt und Vermeer verewigt. Die Anomalie, dass ausgerechnet die aufsässigen Geusen und Polderbürger heute zu den Superkönigstreuen zählen, macht den Charme der niederländischen Gesellschaft aus: Man ist hier gerne nonkonformistisch. Aber niemand rühre das Königshaus an!

          Dieser etwas schizophrene Volkscharakter zwischen gefühlter Basisdemokratie und erlebtem Gottesgnadentum schlägt sich auch in den Feierlichkeiten zu Amsterdam nieder. Schon der Ort, wo Königin Beatrix ihre Abdikationsakte unterzeichnet, könnte antimonarchistischer nicht sein. Das „Königspalais“ am Dam wurde im siebzehnten Jahrhundert erbaut als steingewordene Verherrlichung bürgerlicher Kaufmannsmacht, mit Allegorien von Handel und Seefahrt und sogar einer Konkurskammer, in der steinerne Mäuse verfallene Wechsel anknabbern. Unterm Balkon dieses welthistorischen Schützensaals, den die Bürger erst 1815, seit dem Wiener Kongress, offiziell erst 1939 den Oraniern überließen, werden die Holländer ihrem neuen Monarchen zujubeln.

          Und auch die Huldigung in der benachbarten Nieuwe Kerk hält sich an die toleranten Rituale einer Quasi-Republik. Sogar der neue König hätte das Bürgerrecht, statt eines Eids auf den allmächtigen Gott ein glaubensfreies Gelöbnis abzulegen - was er nicht tun wird. Und aus den „Generalstaaten der Niederlande“, den vereinigten Parlamentariern beider Kammern, verweigern mindestens sechzehn Abgeordnete Willem-Alexander aus Gewissensgründen den Treueeid - und werden darum auf die Lümmelbank ganz hinten versetzt.

          Soll niemand sagen, dass man nicht auch als Republikaner in der orange Monarchie Nebenrollen spielen darf. Zwar bedeutet die Mitgliedschaft beispielsweise im elitären Männerclub der „Republiceins Genootschap“ de facto das Ende einer Ämterkarriere, doch machten immerhin Prominente wie Pim Fortuyn oder Theo van Gogh aus ihrer Mitgliedschaft kein Hehl. Sogar der reichste Niederländer, der mit dem Königshaus halbwegs befreundete Bierbrauer Heineken, war privat Republikaner und pfiff auf die königlichen Orden. In diesem Klima ironischen Personenkults mussten auch die Initiativen einer Jubelkommission für den Thronwechsel schiefgehen.

          Verhunzte Hymne

          Die Idee einer Videopolonaise mit Millionen von aneinandergereihten Youtube-Clips zu deftiger Kneipenmusik fanden sogar die Niederländer bizarr. Und das offizielle Königslied, das den frischen Hoheiten am Dienstagmittag per Bildschirm vorgesungen werden sollte, machte international Schlagzeilen.

          Mit etlichen grammatischen Fehlern und einem unfreiwillig komischen Video kam die Hymne - irgendwo zwischen Choral und Rap - so schlecht an, dass Komponist John Ewbank sie erst zurückzog; nun soll das Werk mit ethikprotestantischen Zeilen wie „Ich bau einen Deich mit bloßen Händen“ aber doch erklingen. Wem’s nicht behagt, der kann auch auf die calvinistische Willem-Alexander-Version von „Nun danket alle Gott“, einen Königsschlager von Oberschlumpf Vader Abraham oder einen Königswalzer von André Rieu zurückgreifen.

          Amalia übernimmt den Staffelstab

          In jedem Fall hat die inzwischen traditionelle Abdankung des Staatsoberhauptes den Oranjekult noch etwas komplexer gemacht. Doch die Funktion der Monarchie, einer mittelkleinen, aber um so stolzeren Nation ein Bewusstsein der eigenen Identität zu verschaffen, wird für knapp zehn Millionen Euro Kosten zweifellos mit neuem Leben erfüllt. In jedem Fall ist nach vier Generationen von makellosem Matriarchat - Emma, Wilhelmina, Juliana, Beatrix - vorübergehend wieder ein salopper, cooler, etwas hochnäsiger Mann am Ruder, von dessen Qualitäten man aber nicht so überzeugt ist wie von denen seiner Mutter.

          Die Zeitung „NRC Handelsblad“ veröffentlicht darum seit Wochen einen täglichen Brief von Intellektuellen an den künftigen König. Da wird dann, urholländisch, kein Blatt vor den Mund genommen: Ein irakischer Zuwanderer führt dem Luxussprössling die Lage in Asylbewerberheimen vor Augen. Oder die Autorin Franca Treur ruft den Monarchen zu selbständigem Denken und Tun auf: „Es wird Zeit, dass der König sich emanzipiert.“ Für den, dem an diesem Dienstag in Präsenz der Kronen- und Szepterinsignien altertümlich gehuldigt wird, mag der Ratschlag etwas spät kommen. Doch Holland vertraut nach dem Abgang der „Mutter des Vaterlands“ fest auf die kleine Amalia, die dann an als Prinzessin von Oranien den Staffelstab der Erbfolge übernimmt.

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