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Adenauers Botschafter in Paris : Fremd als Konsul unter Diplomaten

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Hommes de lettres in Tuchfühlung mit den Mächtigen: Wilhelm Hausenstein (links) wurde 1950 von Konrad Adenauer (Mitte) zum deutschen Generalkonsul in Frankreich bestellt. Hier sind sie im April 1951 zu sehen. Bild: akg-images / Erich Lessing

Ein Journalist widmet sich der französisch-deutschen Aussöhnung: Das vielseitige Leben des Schriftstellers und Botschafters Wilhelm Hausenstein.

          8 Min.

          Die neue und späte Karriere von Wilhelm Hausenstein (1882 bis 1957) begann im März 1950 mit dem überraschenden Anruf eines ihm damals unbekannten Herrn Globke aus dem Bundeskanzleramt, der ihn bat, zu einem Gespräch mit Konrad Adenauer nach Bonn zu kommen. Warum der Bundeskanzler mit ihm sprechen wollte, konnte sich Hausenstein nicht erklären: Als Historiker und Kunsthistoriker, Autor zahlreicher Bücher und in den Jahren 1934 bis 1943 als Leiter des Literaturblatts der „Frankfurter Zeitung“ lagen ihm politische Themen ziemlich fern. Das Treffen fand dann Anfang April woanders statt: im Münchner Hotel „Bayerischer Hof“. Und Hausenstein erlebte den Kanzler, ganz anders als erwartet, schon beim ersten Eindruck als verbindlich und durchaus gewinnend. Zu seinem größten Erstaunen vernahm er, äußerlich zwar ruhig, gleichwohl „ganz perplex“, wie er in seinen „Pariser Erinnerungen“ schrieb, dass Adenauer ihn ohne jede weitere Einleitung ersuchte, die Bundesrepublik Deutschland schon bald als Generalkonsul und später als Botschafter in Paris zu vertreten. Beraten hatten ihn bei der Frage, wie dieser wichtige Posten zu besetzen wäre, seine bei einer Unterorganisation der Unesco tätige Rhöndorfer Nachbarin Maria Schlüter-Hermkes, vor allem aber Bundespräsident Theodor Heuss.

          Als Politiker im beruflichen Sinn verstehe er sich eigentlich nicht, wandte Hausenstein zunächst ein. Von 1907 bis 1919 sei er Mitglied der SPD gewesen, habe sie aber enttäuscht verlassen, weil sie ihm „in einem unmöglichen Kompromiss mit der Rechten zu stehen schien“. Darauf ging der CDU-Vorsitzende Adenauer jedoch nicht ein, sondern äußerte vielmehr, als leitendes Mitglied der Redaktion der „Frankfurter Zeitung“ habe Hausenstein von 1934 bis 1943 doch neun Jahre lang „in einem lehrreichen politischen Klima“ zugebracht. Und seine politische Grundhaltung sei schließlich seit jeher auf die deutsch-französische Versöhnung gerichtet – die auch er anstrebe, wie Adenauer betonte. In Frankreich, wo die Literatur eine große öffentliche, auch politisch bedeutende Rolle spiele, sei Hausenstein, der als deutscher Autor zur französischen Kultur ein so enges und literarisch sichtbares Verhältnis habe, als homme de lettres der richtige Mann am richtigen Ort. Der willigte schließlich ein.

          Heuss nannte Baumeister einen Esel

          Die Ernennung von Hausenstein fand ein sehr positives Echo in der Presse beider Länder. Auch sein erster Berater in Paris, der Diplomat Albrecht von Kessel, hatte seinen Kollegen vorausgesagt: „Ihr werdet sehen, dass es in Paris gutgeht.“ Den liebenswürdigsten Kommentar zu Hausensteins neuem Amt sandte ihm die deutsch-französische Dichterin Annette Kolb aus Paris: : „Enfin un geste, enfin un acte de compréhension“, und „on n’aurait pas mieux choisir“. Auch Hausensteins erster Höflichkeitsbesuch bei André François Poncet, dem Hohen Kommissar Frankreichs in der Bundesrepublik in dessen Amtssitz, dem Hotel Dreesen in Godesberg, entwickelte sich zu einem langen und lohnenden Gedankenaustausch. Auf den Protest des abstrakten Stuttgarter Malers Willi Baumeister, die Ernennung von Hausenstein, der ein falsches Verständnis der zeitgenössischen Kunst habe, sei ein Fehler, antwortete Theodor Heuss denkbar knapp: Baumeister sei ein Esel.

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