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Der Märchenautor Wilhelm Hauff : Im Weinkeller

Seit Jahrhunderten wird im Bremer Ratskeller getrunken – so auch von Wilhelm Hauff im Herbst 1826. Bild: Picture-Alliance

An einem ersten September lässt ein junger Mann im Bremer Ratskeller zwölf Karaffen Wein verschwinden – wie von Geisterhand. Was übrig bleibt: sein Ruf und achtzehn Bände Literatur.

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          Am Ende jagen sie ihn aus Bremen, den jungen Mann, und seine Geliebte lässt ihm ausrichten, dass der „Trunkenbold, der ganze Nächte beim Wein sitzt und aus schnöder Trinklust ganz allein trinkt“, sie künftig in Ruhe lassen soll. Das Urteil ist hart und, wenigstens zum Teil, ungerecht: Denn allein war der Mann nur anfangs, als ihm der Diener die Stube im Bremer Ratskeller aufgeschlossen und ihm zwölf Weinkaraffen hingestellt hatte. Dann aber flog Schlag Mitternacht die Tür auf, zwölf trinkfreudige Geister waren erschienen, vielleicht waren es auch die Verkörperungen der zwölf Weine, man trank, sang und erzählte sich Geschichten, und am Ende stürzte der Besucher bewusstlos zu Boden. Sein Ruf jedenfalls war ruiniert, zudem hatte man ihn davor gewarnt, ausgerechnet am 1. September den Weinkeller zu besuchen.

          Warum? Tatsächlich war der junge Erfolgsautor Wilhelm Hauff 1826 Ende August und Anfang September in Bremen gewesen, wovon er wenig später in seinen „Phantasien im Bremer Ratskeller“ berichtet, und es mag sein, dass er seine Studien zu dem Capriccio an jenem 1. September betrieb. Aber für ein zufälliges Zusammentreffen legt Hauff doch sehr viel Gewicht auf gerade dieses Datum: Am 1. September fängt für die Meteorologen der Herbst an, es ist Erntezeit und der Moment dafür, Bilanz zu ziehen – die Seele, so nennt Hauff das, einkehren zu lassen in den Gasthof der eigenen Brust. Er berichtet von seinem Großvater, der den 1. September immer als einen solchen „Schalttag“ behandelt habe, an dem er in seiner Kammer ganz allein sein Leben rekapitulierte. Gruselig wird die Sache aber, als es ihm sein Enkel im Ratskeller nachtut. Er trinkt zu jedem Lebensabschnitt ein Glas und kommt nach Kindheit, früher Jugend und später Jugend naturgemäß rasch in seiner Gegenwart an. Viel zu erzählen ist da nicht mehr, und auch die Weinkaraffen auf dem Tisch vor ihm erweisen sich als endlich.

          Was nun? Die Einkehr, der innere Gasthof, der Schalttag gar erscheinen hier plötzlich wie eine Reise an die Grenze der eigenen Existenz, aus der Zwischenbilanz des Lebens könnte unversehens die Bilanz werden. Und so schildert Hauff wenig später nicht nur den fröhlichen Weinspuk der trinkfesten Geister, sondern lässt auch einen armen Verdammten von dem Moment seines Todes erzählen, den er bei vollem Bewusstsein erlebt, ganz so, als ginge sein Leben weiter, nur ohne dass er dabei auch nur einen Finger rühren könnte, schließlich beginnt mit der Ernte auch das große Sterben, und die Sense ist Symbol für beides. Im September 1826 reiste der knapp vierundzwanzigjährige Hauff von Bremen langsam wieder Richtung Süddeutschland, wo er die Redaktion von Cottas renommiertem „Morgenblatt“ übernahm. Der überaus fleißige Autor, dessen gesammelte Werke achtzehn Bände füllen, wurde keine 25 Jahre alt.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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