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Wilhelm Genazino : Hier stockt er schon

Relativ haltlos im Schreiben, tadellose Haltung beim Lesen: Wilhelm Genazino im Frankfurter Literaturhaus Bild: Wonge Bergmann

Sprechend schreibt der Autor seinen Roman um: Wilhelm Genazino liest im Frankfurter Literaturhaus. Und reagiert auf seine Zuhörer wie ein Stand-up-Comedian. Nur auf die „Kehlmannfrage“ fehlt ihm die passende Antwort.

          3 Min.

          Ein bizarrer Moment im Übergang von der langen Lesung Wilhelm Genazinos im Frankfurter Literaturhaus zur kurzen Diskussion. Komischer Zufall oder List eines höheren Bewusstseins? Sekundenschrecken, der im Gelächter verfliegt.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Genazino hatte den Abend partout ohne den branchenüblichen Moderator hinter sich bringen wollen, war aber nach dem Vortrag von zwei Kapiteln aus seinem soeben erschienenen Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ (Wilhelm Genazinos neues Buch: All die schmutzige Wäsche dieser Welt ) hinter dem Rednerpult stehen geblieben und hatte in seiner liebenswürdigen Art dazu eingeladen, ihm Fragen zu stellen. Wie es so geht, fragte aus dem vollbesetzten Saal zunächst niemand.

          „Es war schön so!“

          Als die Situation sich nicht der Peinlichkeit - da kennen Genazinoleser anderes -, aber in Sekundenschritten einer gewissen Gezwungenheit näherte, sagte jemand laut: „Es war schön so!“ Das war richtig und wäre als Schlusswort doch irreführend gewesen, hätte das Vorurteil bestätigt, Genazino produziere eine gehobene Schmunzelliteratur für Möchtegernmelancholiker, die man besser nicht kritisch befrage. Endlich aus der hintersten Ecke doch noch die erste Frage: „Woher haben Sie die Idee für dieses Buch genommen?“

          Und in diesem Moment wähnt sich das Literaturhaus in die Literatur versetzt! Findet diese Genazinolesung etwa im Rahmen einer Kehlmanngeschichte statt, der zehnten Geschichte aus Daniel Kehlmanns vor wenigen Wochen erschienenem, wie „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ gerade für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman „Ruhm“ (Daniel Kehlmanns „Ruhm“: Wenn das Handy zweimal klingelt)? In diesem Buch widerfährt es nämlich dem Schriftsteller Leo Richter, dass er an allen Ecken und Enden mit der Frage konfrontiert wird, woher er denn seine Ideen nehme. Jemand ruft: „Die Kehlmannfrage!“ Lachen begrüßt die Zerstörung der Einbildung. Der Name Kehlmann kommt in Kehlmanns Roman natürlich nicht vor.

          „Ich denke mir nichts aus“

          Genazino antwortet geduldig, indem er darlegt, warum er die Frage nicht beantworten kann. Nebenbei ergibt sich, was Genazino von Kehlmann unterscheidet. Er habe eigentlich keine Ideen zu Büchern, schreibe sich hinein in ein Dickicht aus Bildern und Empfindungen, relativ haltlos, bis es eine gewisse Gestalt angenommen habe. Der entscheidende Satz: „Ich denke mir nichts aus.“

          Maria Gazzetti, die Leiterin des Literaturhauses, hatte vor der Lesung eine geradezu ausladende Inhaltsangabe vorgetragen. Das wirkte bei diesem schmalen Roman, in dem alle Handlungen sich genazinotypisch nah am Nichthandeln vorbeidrücken, zunächst kurios, hatte aber den Sinn, den Autor von allen einzuschiebenden inhaltlichen Erläuterungen im Fortgang der Lesung zu entlasten. Man konnte sich auf das Dickicht der Bilder und Empfindungsnotate konzentrieren, auf das Rascheln und das Schattenspiel im Text.

          Reaktionen wie ein Stand-up-Comedian

          Erstaunlich: Genazino geht recht frei mit dem Text um. Dass er Sätze weglässt, mag noch nicht überraschen. Aber er fügt auch Sätze hinzu. Zum Teil scheint er wie ein Stand-up-Comedian auf das Publikum zu reagieren. Er ergänzt die Erwägung seines Ich-Erzählers über Frauen, die von einem Mann nur die Befruchtung wollen, um die Bekräftigung „Das hat es früher nicht gegeben“ und erntet einen zweiten Lacher. Der Zusammenhang ist ein Theaterabend: Einerseits wird er dem Ich-Erzähler vom Gedanken an den Kinderwunsch seiner Gefährtin Traudel vermiest, andererseits schließt ihm erst die fatalistische Grübelei auf, dass ihn das Stück aus dem O'Neill-Kanon eben doch angeht.

          Am Ende des Kapitels steht der Philosoph und Wäschereigeschäftsführer vorübergehend verlassen auf der Straße. Eine Streunerin sieht ihn an - und nur in der Lesung kommt sie auf ihn zu und weint. Eine angedeutete erotische Möglichkeit wird explizit gemacht (und wohl trotzdem nicht genutzt). Vielleicht hat den Autor selbst die Dynamik seiner scheinbar stillgestellten Geschichte im zweiten Durchgang übermächtigt und befreit.

          Man stockt - und geht wieder einen Schritt mit ihm

          Wenn Genazino manche Sätze beim Sprechen umschreibt, ahmt er die Redeweise und Gangart seines Helden nach, in der Verfehlen und Treffen eins sind. So erzählt sich der Roman in der Lesung noch einmal von vorn. Genazinos stockender Duktus macht die Form der Erzählung physisch erfahrbar. Alles kommt für die Identifikation mit dem fast wahnhaft solipsistischen Helden nämlich auf die Parataxe an. Man folgt dem Ich-Erzähler in die Innenwelt seiner Idiosynkrasie, indem man stockt und dann immer wieder einen Schritt mit ihm mitgeht. Bis er einen Schritt zu viel tut. Aber einen Schritt, wie man ihn selbst beinahe auch tun könnte.

          Die Gestalt, die Genazinos ohne Idee konzipiertes Buch angenommen hat, erfüllt alle Regeln der Kunst. Schon beim Hören von zwei Kapiteln fällt die motivische Arbeit auf. Sie ist dicht, kann aber diskret bleiben. Form und Inhalt bilden in diesem Roman eine Einheit, die mit Plotmechanik nichts mehr zu tun hat. Tragische Motorik mag man nennen, was bei Genazino findet, wer eine Form für Welt- und Lebensklugheit in der deutschen Gegenwartsliteratur sucht.

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