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Kommentar : Pegida, skandiert

Wild gewordene Pedanterie: Pegida-Demonstranten in Freital Bild: AP

Skandieren heißt eigentlich: Verse taktmäßig lesen. In München wird gezeigt, wie das in Bestialität abdriften kann.

          2 Min.

          Und hopp, und hopp, und hopp, und hopp, und: topp. Die Aufführung von Franz Grillparzers dramatischem Gedicht „Das goldene Vlies“ am Münchner Residenztheater beginnt gleich mit dem Schlussstück der Trilogie, der Tragödie der Medea. Auszüge aus den ersten beiden Teilen hat die Regisseurin Anne Lenk als Rückblenden eingebaut. Als Medea in Korinth ankommt, spricht aus ihrem Gesicht zwar die angeborene Skepsis einer chthonischen Natur, wie sie die Schauspielerin Meike Droste in der Fernsehrolle der Dorfpolizistin Bärbel Schmied kultiviert hat.

          Aber sobald sie den Mund aufmacht, ist sie perfekt integriert. Sie spricht in fünfhebigen Jamben, in Blankversen, wie die Griechen. Zu den Utensilien ihrer Zauberkunst sagt sie: „Ich werd euch nicht mehr brauchen, ruhet hier.“ In eine unbekannte Zukunft tritt sie ein, die sie sich als Zeitalter der Aufklärung vorstellt. Was immer auch passiert: „Es muss geschehn am offnen Strahl des Lichts.“ Ihre treue Begleiterin Gora sieht mit Sorge, dass Medea die Zeichen der alten Religion versteckt. „Vergraben willst du / die Zeichen eines Dienstes, der Schutz dir gab / und noch dir geben kann?“ Die Sorge spiegelt sich in der Bewegtheit der Stimme, den freien Rhythmen, durch die sich das Naturvolk der Kolcher von den gebildeten Griechen unterscheidet. In Korinth ist Integration Formsache.

          Die Wertordnung ist eine Frage des Maßes, des Abzählens: Senkung, Hebung, und das noch viermal. Formgerecht ist selbstverständlich auch das Urteil, das die Hüter der panhellenischen Verfassung, die Amphiktyonen, über den heimgekehrten Prinzen Jason und seine aus der Barbarei mitgebrachte Gattin Medea verhängen. Der vom Gericht entsandte Herold sagt: „So sprech ich aus hiemit den großen Bann / ob Jason dem Thessalier, Aesons Sohn, / Genoss einer Verruchten, selbst verrucht, / Und treib ihn aus, kraft meines heil’gen Amts.“ In München wird dieser Bannfluch mehrfach wiederholt, und der Vortrag wird jedes Mal lauter, schneller, dringlicher. Der Herold und seine beiden Assistenten fallen aber nicht etwa aus dem Rhythmus heraus, sondern betonen ihn immer stärker, immer sauberer. Dann bemerkt man, dass der Herold Hut und Trenchcoat eines Pegida-Demonstranten trägt.

          Über Jasons Verse „Es ist des Unglücks eigentlichstes Unglück, / dass selten drin der Mensch sich rein bewahrt“ schrieb der Literaturhistoriker Arthur Eloesser, das sei „Schiller sehr unkräftig nachgesprochen, noch dazu in einem Konversationston, der nicht zu skandieren brauchte“. Skandieren heißt eigentlich Verse taktmäßig lesen. Der kunstvolle Vortrag wirkt natürlich, weil er nicht skandiert. Das Skandieren von Parolen klingt immer nach wild gewordener Pedanterie. Geflügelt ist Grillparzers Wort, der Weg der neueren Bildung gehe von Humanität durch Nationalität zur Bestialität. In München wird gezeigt, wie dieser Fortschritt gruseligerweise nie das Maß verliert.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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