https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wieso-sandro-wagner-fuers-zdf-bei-der-fussball-wm-unverzichtbar-ist-18496452.html

Alles außer Fußball : Mehr Wagner wagen!

  • -Aktualisiert am

Für Humorlose ist er nicht der richtige Mann: Sandro Wagner kommt die WM in Qatar fürs ZDF. Bild: dpa

Weil er einen Witz über die Gewänder der Qatarer gemacht hat, wurde Sandro Wagner gleich an den Pranger gestellt. Das hat er nicht verdient. Ohne ihn am Mikro wäre das WM-Fernsehen ziemlich öde.

          2 Min.

          Fünf Jahre nach Mehmet Scholls Abgang bei der ARD hat Deutschland wieder einen richtigen Fußballexperten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Er heißt Sandro Wagner. Hätte Deutschland am Sonntag verloren, hätte man sich am Fernseher trotzdem gut unterhalten. Das war auch ihm zu verdanken.

          Wagner war als Spieler kein Weltklassemann. Er ist nicht durch Prominenz ans Mikrofon geraten. Während seiner Profi-Zeit wurde ihm ein Zug zur Überheblichkeit nachgesagt, über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein verfügt er auf jeden Fall. Am Mikrofon, an dem er fürs ZDF seit zwei Jahren mit Oliver Schmidt die Spiele kommentiert, ist das ein großer Vorteil.

          Er riskiert auch mal einen Witz

          Wagner redet unverstellt und ohne Rückversicherung, riskiert auch einmal einen Witz, ohne sich noch im selben Satz dafür zu entschuldigen, oder wagt ein Prognose, ohne zu sagen, dass es natürlich auch ganz anders ausgehen könne. Eine humorlose Politikerin, die darauf spezialisiert ist, andere für harmlose Witze an den Twitter-Pranger zu stellen, hat das gleich ausgenutzt und Wagner des Rassismus geziehen, weil er die qatarischen Gewänder während des Spanien-Spiels flapsig „Bademäntel“ genannt hatte. Dafür hat er sich entschuldigt.

          Humor nicht abtrainieren

          Man kann nur hoffen, dass er sich seinen Humor von Twitter und Konsorten nicht abtrainieren lässt. Seit er kommentiert, hat das Wort Analyse in der Fußballfachsprache wieder einen Sinn bekommen. Es bedeutet jetzt nicht mehr, ein paar elektronische Kreisel um die Spieler zu ziehen und zu sagen, dass die Mannschaft zu weit vom Gegner stand. Wagner beschrieb im Detail, was an David Raums Körperhaltung falsch war, als sein spanischer Gegenspieler die Flanke zum Führungstor durchstecken konnte.

          Eine Viertelstunde vor dem Ende der Partie gegen Spanien lag Deutschland mit null zu eins zurück, und man blickte mit düsterer Vorahnung auf die Kommentare der kommenden Tage voraus. Oliver Schmidt stellte Wagner die Frage, was er denn in einer solchen Situation als Trainer machen würde (er trainiert den Regionalligisten Unterhaching), und fügte gleich entschuldigend hinzu, die Frage sei natürlich gemein. Nein, gar nicht, sagte Wagner und führte seelenruhig aus, was die Deutschen jetzt wieder ins Spiel brächte. Und genau das taten sie dann.

          Fußball ist bei Wagner keine Sache von historischem Gewicht und höchster politischer Bedeutung. Er ist gar nicht so sehr nach dem Nationalitätsprinzip geordnet. Man kann sich auch an einem Spiel erfreuen, in dem die eigene Mannschaft zurückliegt. Die WM in Qatar stellt es auf angenehme Weise frei, den Fußball einmal nicht ganz so wichtig zu nehmen. Sandro Wagner ist dafür der ideale Mann. Mit ihm kann es weitergehen.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Dort im Reinen und im Rechten

          Huldigung an das Quadrat : Dort im Reinen und im Rechten

          Die Quadratbilder von Josef Albers stellen uns vor eine Welt, die gerade angelegt ist und deshalb explodiert und zerfließt: In Bottrop, der Geburtsstadt des Malers, wird mit der klassischen Serie ein Museumsanbau eingeweiht.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.