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Münchner Oktoberfest : Die Wiesn und die Wirklichkeit

Taschenkontrolle am Haupteingang: Vor der Wiesn an diesem Samstagvormittag Bild: dpa

Das Münchner Oktoberfest hat an diesem Samstag begonnen. Professionelle Spaßmacher haben es zum Schlachtfeld des Antiterrorkampfes erklärt, und sie meinen es bitter ernst.

          Sinnlos besaufen? Das kommt nicht in die Tüte. Wir sind im christlichen Abendland, da erblickt man auch auf dem Boden der dritten Maß den Zweck der ganzen Verausgabung. Das Münchner Oktoberfest, das an diesem Samstag beginnt, ist zur politischen Demonstration umgewidmet worden, für die westliche Lebensform in all ihrer herrlichen Spontaneität, Buntheit und Zwanglosigkeit. Kommt alle! Das ist ein Befehl. Ausgegeben hat ihn nicht der Stadtrat, der zu viel zu tun hatte mit dem neuen Sicherheitskonzept, der Berechnung der Rollzaunlänge und der Zeiten der Taschenkontrolle. Professionelle Spaßmacher haben die Wiesn zum Schlachtfeld des Antiterrorkampfes erklärt, und sie meinen es bitter ernst. Der Kabarettist Christian Springer hat Lebkuchenherzen mit der Inschrift „I geh! Du aa?“ verzieren lassen, und seine Kollegin Luise Kinseher sowie der Karikaturist Dieter Hanitzsch ließen sich mit den gebackenen Schildern vor der Brust fotografieren.

          Frau Kinseher tut kund: „Nicht hinzugehen ist die völlig falsche Botschaft. Wir dürfen nicht klein beigeben.“ Über die aberwitzige Logik solcher Appelle ist in der großen Weihnachtsmarktdebatte des vergangenen Jahres alles gesagt worden. Wenn wir nicht mehr ausgehen, heißt es, tun wir, was die Terroristen wollen. Sie wollen uns den Spaß verderben, wollen, dass wir die Gardinen zuziehen und an der modernen Gesellschaft verzweifeln. Stimmt das? Kalkulieren die Terrorplaner mit Sickereffekten der Kulturkritik? Wollen sie uns mit dem Weltschmerz infizieren, der ihnen von der älteren, ideengeschichtlichen Terrorforschung zugeschrieben wird? Und wenn wir ihnen die Botschaft schicken, dass wir den Festkulturpessimismus als politische Gefahr durchschaut haben, werden sie dann einsehen, dass der Nihilismus sinnlos ist?

          Wie dem auch sei: Terroristen, die sich mit Bombengepäck unter Volksfestbesucher oder Schaulustige am Rand einer Marathonstrecke mischen, wollen jedenfalls, dass so viele Menschen wie möglich dort hingehen. Das ist kein Grund, nicht hinzugehen. Es ist lediglich ein Grund für effektive Sicherheitsmaßnahmen, für Zäune und Kontrollen. Für Christian Springer sind solche Maßnahmen beim Oktoberfest allerdings anscheinend überflüssig. Das hat er nicht in der blauen Uniform des von ihm erfundenen Kassierers von Schloss Neuschwanstein namens Fonsi nahegelegt, der seit 1999 im Bayerischen Rundfunk die Wiesn kommentiert, sondern mit der Autorität des Syrien-Kenners, der vor vier Jahren den Verein „Orienthelfer“ gegründet hat und regelmäßig Flüchtlingslager besucht. „Ich habe Ahnung, was Terror ist. In München ist er nicht.“ Nicht vor Terroranschlägen müsse man in München Angst haben, sondern vor Mieterhöhungen und dem nächsten Abstieg des TSV 1860. Hier ist der Terror nicht: Eine Torheit wäre dieser Satz in jeder Weltstadt. In München, wo am 26. September 1980 eine am Haupteingang des Oktoberfestgeländes gezündete Bombe dreizehn Menschen tötete und 211 verletzte, ist er eine Geschmacklosigkeit. Man braucht nicht auf die Wiesn gehen, um Leute zu erleben, die schon vor dem ersten Tropfen im Vollrausch sind.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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