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Richard Neutras Häuser : Heroisch wie im Film

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Die Durchblicke sind aufeinander abgestimmt: Ohara House, Silver Lake, Los Angeles, 1961 Bild: David Schreyer 2017

Das Wohnen in der Wüste wird wieder aktuell: In Wien feiert man die Wohnhäuser des großen österreichisch-amerikanischen Architekten Richard Neutra.

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          Unnahbar und entrückt wie Filmstars der fünfziger Jahre, so erschienen die Einfamilienhäuser des in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von Wien nach Kalifornien ausgewanderten Architekten Richard Neutra, jedenfalls dann, wenn der berühmte Fotograf Julius Shulman sie mit seiner Kamera aufnahm. Er inszenierte gemeinsam mit Neutra einprägsame Bilder, ein wenig heroisch, ein wenig Filmstill, jedenfalls: großes Kino.

          Das Wien Museum zeigt in der Ausstellung „Richard Neutra. Wohnhäuser für Kalifornien“ ganz andere Bilder – Aufnahmen, die einen neuen Blick auf den ehemaligen Wiener Modernisten ermöglichen. Die Schau ist eine Zusammenarbeit von Andreas Nierhaus, dem Kurator der Architekturabteilung, und dem Architekturfotografen David Schreyer. Die beiden waren in Kalifornien und speziell Los Angeles und Umgebung unterwegs auf den Spuren eines anderen Richard Neutra. Sie finden einen Architekten, der nicht nur von den Reichen und Schönen Aufträge annahm, sondern sich primär für die elementaren Bedürfnisse beim Wohnen interessierte.

          Neutras Baukörper sind leicht. Sie greifen den Rhythmus der Umgebung auf, der schwingenden Hügelketten, der großen Steine und Felsblöcke, der hochgewachsenen Bäume und üppigen Pflanzen, die Neutra, der auch landschaftsgärtnerische Kenntnisse aus Europa in die neue Heimat mitbrachte, gern selbst auswählte.

          Die Schönheit von Seemuscheln

          Wie seine ikonischen Werke stattet Neutra auch ein einfaches, mit wenig Flächenverbrauch konzipiertes Haus mit ausgedehnten Glasfronten aus, auf Schienen verschiebbar und von mehreren Räumen aus einsehbar; die Durchblicke sind aufeinander abgestimmt. Die grandiose Landschaft und die ineinandergreifenden Raumfolgen scheinen sich wechselseitig zu durchdringen. Dieses visuelle, geradezu körperliche Nahekommen der Landschaft beim Gang durch die Räume ruft eine Art Nachbild im Innern des Betrachters hervor. Architektur ist für Neutra nicht nur Raumkunst, sondern auch eine Zeitkunst. Sie arbeitet mit Erinnerung und mit dem visuellen Nachhall des wenige Sekunden zuvor Gesehenen.

          Häuser, die sich in der Landschaft behaglich ausstrecken: Mcintosh House, Silver Lake, Los Angeles, 1937–1939 Bilderstrecke

          Neutras Bauten bringen einen Hauch von österreichischer Moderne nach Kalifornien, von Otto Wagner bis Adolf Loos, mit der er sich als Studierender in Wien beschäftigt hatte, aber auch die genauestens durchdachte, sparsame Raumkonzeption der japanischen Tradition. Anders als die europäische Rezeption via Shulman es nahelegt, haben 1949, als eine Nummer des „Time Magazine“ mit Neutra auf dem Titelbild erschien, die Redakteure das praktische und reproduzierbare Moment in Neutras Häusern erkannt. Im Allgemeinen, heißt es da, sei modernes Wohnen vor allem darauf ausgerichtet, die Nachbarn zu beeindrucken. Die Schönheit von Neutras Häusern hingegen sei vergleichbar dem Bau von Seemuscheln, „more than skin-deep-practical, not pretentious“.

          Indem David Schreyers Fotografien auch die Umgebung der Häuser aufs Bild bringen, zeigen sie, wie diese sich wie zum Ruhen behaglich in der Landschaft auszustrecken scheinen. Sie nehmen sich zurück. Wie es in einer der Beschreibungen zum Freedman House heißt, ist das Gebäude „kaum mehr als eine Membran“: Von der Vorderseite des Hauses aus blickt man auf den Pazifik und auf der anderen Seite auf einen Innenhof mit kleinem Pool. Solche Offenheit enthält angesichts der amerikanischen Frontier-Tradition, in der man auf dem Zug gen Westen das eroberte Gebiet strikt gegenüber der Wildnis abgrenzte – die Filmgattung Western legt davon Zeugnis ab – durchaus auch ein gesellschaftliches Anliegen.

          Gegenmodell zu den Wohnkisten

          Viele von Neutras Bauten sind mit dauerhaften, haptisch anspruchsvollen und natürlichen Materialien ausgestattet. Einer der heutigen Bewohner spricht davon, dass Neutras auch für das Leben im Freien konzipierte Häuser und Wohnungen im Zeitalter der Klimaanlagen auch ökologisch Maßstäbe setzten und natürliche Durchlüftung erlaubten. Ein intensiveres Erlebnis von Wärme und Kälte werde nicht als Mangel, sondern als Qualität inszeniert. Somit erscheinen die leichten Bauten als Gegenmodelle zu den abgepanzerten, C02-intensiv die Außentemperaturen ausblendenen Wohnkisten, die allerorten, als Nullenergiehäuser etikettiert, aus dem Boden gestampft werden.

          In anderen Bildern Schreyers sehen wir lichtdurchflutete Innenräume, die gewisse Beschränkungen auferlegen, was das Aufstellen großformatigen Mobiliars angeht. Aber die heutigen Bewohnerinnen gestalten die Räume mit Liegemöglichkeiten, Leseecken, farbenfrohen Kissen, Büchern auf niedrigen Ablagen geradeso, als wollten sie gemeinsam mit der Architektur Neutras den Genuss der Landschaft und eines ruhigen Lebensstils bewerkstelligen.

          Wir sehen auf Schreyers Bildern authentische Lebensräume, die auch ohne Klimaanlagen funktionieren, wozu in erster Linie eine gute Durchlüftung und die präzise Ausrichtung des Hauses nach den vor Ort vorgefundenen klimatischen Gegebenheiten beitragen. Neutra verfolgte einen durchaus auch konzeptionell zu nennenden und sehr zeitgenössischen, heute wieder hochaktuell gewordenen Ansatz: Es geht um ein Bauen, das auf unterschiedliche Wünsche der Bewohner reagieren kann und auch berücksichtigt, dass sich Lebenssituationen verändern, ohne dass man deshalb gleich alles durch Neues ersetzen muss. Von daher wird hier von den Ausstellungsmachern auch eine dezidiert ökologische Sicht eingebracht, fernab von der Rezeption als Architekturikonen, zu denen einige von Neutras Bauwerken geworden sind.

          Auch bei der Präsentation der Ausstellung, die in einem einzigen, geräumigen Raum Platz findet, ist größter Wert auf die Details gelegt worden, so dass ein wenig Neutra-Geist spürbar wird. Die großformatigen Prints der aktuellen Außen- und Innenansichten der Häuser werden auf Gestellen aus heimischen Hölzern präsentiert. Sie sind in einem warmen Farbton gehalten, der an Rotbuche erinnert, ein Holz, welches in Neutras kalifornischen Häusern bei der Ausgestaltung der Innenräume eine wichtige Rolle spielt.

          Die Wiener Ausstellung ist ein schöner Impuls, um in Österreich das Schaffen des großen österreichisch-amerikanischen Architekten zu würdigen. Er hat seiner Heimatstadt mit seinen Bauwerken, vor allem auch mit ihrer sozialen Komponente, die auf Raumökonomie, Gemeinschaftlichkeit und die Langlebigkeit der Materialien Wert legt, auf seine Art Tribut gezollt.

          Richard Neutra. Wohnhäuser für Kalifornien. Im Wien Museum MUSA, bis zum 20. September. Kein Katalog.

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