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Wiener Aktionismus : Schnittstellwerker: Peter Weibel wird sechzig

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Der universale Beweger: Peter Weibel Bild: dpa/dpaweb

Er jagt die Gedanken, und sie jagen ihn. Weibel studierte abwechselnd Medizin, Mathematik, Philosophie, Literatur und Film - ein nahezu universaler Beweger.

          Peter Weibel ist weder zu halten noch zu fassen. Und stets für Überraschungen gut. Als letzte hat ihn Valie Export 1968 ganz real an die Leine gelegt und auf allen vieren durch Wien spazierengeführt. Da galt es noch, unter dem von Weibel geprägten Begriff "Wiener Aktionismus" den Körper als Träger gesellschaftlicher Codes zu analysieren.

          Am 5. März 1944 in Odessa geboren, studiert Weibel in Paris und Wien abwechselnd Medizin, Mathematik, Philosophie, Literatur und Film. Promoviert wird er mit einer Arbeit über Modal-Logik. Hinfort jongliert er mit mehreren Lehrstühlen und Gastprofessuren in Europa und Amerika, berät und leitet die "Ars Electronica" in Linz, füllt als Kommissär Österreichs mehrfach den Pavillon der Biennale von Venedig. Er ist künstlerischer Leiter der Neuen Galerie am Joanneum in Graz, Direktor des Instituts für Neue Medien an der Frankfurter Städelschule und übernimmt 1999 schließlich die Leitung des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe - eine Aufgabe, die vielleicht nur einem so vielseitigen, organisiert chaotischen Anreger wie Weibel zuzumuten ist.

          Unablässig engagiert

          Denn Weibel reitet mit einem Hinterteil immer auf mehreren Pferden zugleich. Ohne Unterlaß produziert er Ideen und Konzepte. Ein nahezu universaler Beweger, der weniges festhält, aber alles zirkulieren läßt. Sich selbst eingeschlossen. Wobei das Umtriebige und Nomadische bei Weibel alles andere als Pose ist. Er jagt die Gedanken, und sie jagen ihn. Er entrümpelt permanent all jene Theorien, die er eben erst selbst und überdies virtuos entwickelt und mit Verve propagiert hat: den Paradigmenwechsel von der Raum- zur Zeitkunst, den "Aufstieg des Auges" zum "orbitalen Blick", dem alles gleich groß, also virtuell und umprogrammierbar, erscheint, das Schnittstellenproblem und vieles mehr. Da jede Maschine das technische Abbild einer Theorie ist, fasziniert ihn diese nicht minder. Arbeiten läßt sich mit beiden.

          Unablässig engagiert hat er in den vergangenen Jahrzehnten dafür geworben, daß man die mit der Veränderung der Technik und der Beschleunigung aller Lebensbereiche einhergehenden Transformationen des Ästhetischen nicht ignorieren dürfe - auch wenn die Medienkunst den vorhandenen künstlerischen Standards selten genüge. Dabei hat er nie aufgehört, an der Wiedereingemeindung der Vernunft zu arbeiten, nicht nur im antimodern geprägten Wien. So hat er seinen Wahlspruch Jean Vigot entlehnt, der 1392 feststellte: "Scientia sine art nihil est; ars sine scientia nihil est." Wo aber die Wissenschaft ohne die Kunst und die Kunst ohne die Wissenschaft nichts sind, klingt der von Botho Strauß stammende Satz plötzlich wienerisch: "Die Ruhe der Logiker möchte ich haben."

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