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Lauter Ikonen : Immer ist irgendetwas faul im Staate

Ekstatisch bei der Sache: Sängerin im Metropole Café in New in New York, fotografiert 1946 von Lisette Model
Ekstatisch bei der Sache: Sängerin im Metropole Café in New in New York, fotografiert 1946 von Lisette Model : Bild: Estate of Lisette Model / Courtesy Baudoin Lebon Gallery

Noch immer erschrickt man über die Wucht, mit der einen die Motive überwältigen, und über Irritationen, die manche Fotografen selbst mit kleinen, kontrastarmen Abzügen minimalistisch arrangierter Kompositionen auslösen. Wie ein Wasserzeichen schimmert dabei durch die meisten in der Ausstellung gezeigten Arbeiten das grundlegende Motiv der amerikanischen Fotografie hindurch: Trauer, Melancholie. Immer ist irgendetwas faul im Staat Amerika.

Das grüblerische Moment, die Skepsis gegenüber nachgerade jedem Aspekt des Lebens, scheint ausgerechnet der Fotografie Amerikas regelrecht eingebrannt. Als handele es sich um lauter Gegenbilder zu dem in der Verfassung verankerten Recht darauf, nach dem Glück zu streben, als Gegenbilder zum sprichwörtlichen amerikanischen Optimismus. Stattdessen schaut Marylin Monroe vor Richard Avedons Kamera mit leerem Blick ins Nichts. Robert Frank deutet mit einem Verkehrstoten unter einer Wolldecke an, Amerika könne etliche weitere Leichen versteckt haben. Bei Garry Winogrand versuchen Touristen in Dallas mithilfe von Ansichtskarten den exakten Punkt auszumachen, an dem John F. Kennedy erschossen wurde. Über einem verwirrt wirkenden Fußgänger in New York schwebt bei Lee Friedlander ein großes, an eine Fassade gepinseltes Fragezeichen. Joel Sternfeld zeigt eine Wohnsiedlung in Kalifornien, von der nach einer Flut ein Gutteil in den Abgrund gerutscht ist. Bei Mitch Epstein suchen Passanten aufgeregt mit Blicken und Händen den Bürgersteig ab, als sei dort der Sinn des Lebens zu finden. Und Larry Sultan zeigt spärlich bekleidet die Pornodarstellerin Sharon Wild so verloren auf dem Rand eines Betts, dass die Figuren aus den Gemälden Edward Hoppers dagegen wahre Frohnaturen sind. Lauter verlorene Seelen werden hier präsentiert, Vertreter der einsamen Masse.

Ende einer Kultur: Ein Autokino in Amarillo beschwört den Sonnenuntergang, fotografiert von Stephen Shore 1974.
Ende einer Kultur: Ein Autokino in Amarillo beschwört den Sonnenuntergang, fotografiert von Stephen Shore 1974. : Bild: Stephen Shore, courtesy 303 Gallery

Vielleicht wäre „Siebzig Jahre Traurigkeit“ nicht der schlechteste Untertitel für diese Bilderschau gewesen. Aber die Arbeiten sind so bekannt, ikonengleich, möchte man sagen, dass sich ihre Botschaft vom allzu dünnen Firnis der Zufriedenheit über dem amerikanischen Alltag verflüchtigt hat. Ihre Wirkung hat sich insofern abgenutzt, als man sie als Kunstwerke akzeptiert und der Form des Bilds mehr Aufmerksamkeit widmet als dem Inhalt. Dabei tritt das Dokumentarische zurück hinter einen dokumentarischen Stil, und man begreift, dass diese Bilder nie gemacht wurden, um Missstände zu beheben, sondern um sie erfahrbar zu machen. Zwischen den Weltkriegen hatten Fotografen die Kamera als Waffe im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten verstanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hingegen wurde sie ihnen zur Eintrittskarte in das Leben der Anderen, der Benachteiligten. Sie scheuten sich nicht, angesichts prekärer Lebensverhältnisse oder zugrunde gerichteter Landschaften vor allem ihr Staunen darüber in den Bildern zu formulieren. Als letzte Konsequenz ging es dann nicht mehr um die Frage, was zu sehen ist, sondern wie man etwas zeigt. Woraus sich zugleich die Frage ableitete, wo man es zeigen soll. Nun, zum Beispiel im Museum.

Und gerade so, wie die wenigsten Besucher in einem Museum angesichts einer Kreuzigungsszene Tränen vergießen, löst „American Photography“ all den gezeigten Fragwürdigkeiten des Lebens zum Trotz keine Depressionen aus. Eher einen Hauch von Überdruss. Die Präsentation, die Museumsdirektor Schröder im Vorwort des Katalogs als „Leistungsschau der Sammlung“ bezeichnet, geht mit all den Inkunabeln der modernen Fotografie auf Nummer sicher. Noch ein Meisterwerk und noch eines. Da hätten ein paar Stolperstellen nicht geschadet oder ein paar überraschende Motive, mit denen man behaupten könnte: Schaut, die habt ihr übersehen. Hier aber ist es, als esse man sich durch die gesamte Tortentheke des Sachers – nur einen Straßenzug vom Museum entfernt –, während man längst von einer Käsekrainer am nächsten Würstelstand träumt. Es gibt schlimmere Vorwürfe.

American Photography, Albertina, Wien; bis 28. November. Der Katalog kostet 29,90 €.

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