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Wiedergeburt : Spiel mit vertauschten Rollen

  • -Aktualisiert am

Über die Wiedergeburt bestimmt nur die zu reinkarnierende Person selbst: So sieht es der Dalai Lama Bild: dapd

Verkehrte Welt: Weil China ein Mitspracherecht bei der Wahl eines neuen Dalai Lama hat, will dieser die Reinkarnation abschaffen. Die Kommunistische Partei pocht nun auf die religiöse Tradition.

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          Der Kampf zwischen dem Dalai Lama und der Kommunistischen Partei Chinas über die Reinkarnation geht in seine nächste Runde – mit scheinbar eigentümlich vertauschten Rollen. Der Dalai Lama hat erklärt, weshalb es ihm zusteht, über seine eigene Wiedergeburt zu entscheiden und möglicherweise sogar auf sie zu verzichten; er erwägt, die mehr als sechshundert Jahre alte Institution des Dalai Lama ganz abzuschaffen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Partei bestreitet ihm dieses Recht und wirft sich nun zur Hüterin der tibetischen Tradition auf. „Wir müssen die historischen Institutionen und religiösen Rituale des tibetischen Buddhismus respektieren“, hatte ein von Peking eingesetzter Funktionär zuvor schon gesagt und deklariert, niemand dürfe sich anmaßen, die Reinkarnation abzuschaffen. Jetzt verweist ein Sprecher des Außenministeriums darauf, dass noch nie ein Dalai Lama seinen Nachfolger bestimmt habe und dass im Übrigen alle Fragen der Wiedergeburt in der Volksrepublik gesetzlich bestens geregelt seien.

          Der Kaiser war einst Schutzmacht der tibetischen Mönche

          Tatsächlich ist seit 2007 die von der Staatsbehörde für religiöse Angelegenheiten erlassene „Verordnung Nummer fünf“ in Kraft, die präzise Anweisungen für „das Management der Reinkarnation lebendiger Buddhas“ gibt. Das Papier nimmt für sich in Anspruch, nicht in das Innere der Religion und die durch Mönche vollzogene Suche nach reinkarnierten Personen einzugreifen; wohl aber will man das Verfahren und den gefundenen Kandidaten approbieren – alle anderen Wiedergeburten seien „illegal“.

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          Peking leitet diesen Anspruch nicht nur aus den Verrechtlichungsbedürfnissen des säkularen Staats ab, die es auch gegenüber der römisch-katholischen Kirche geltend macht, sondern aus dem speziellen historischen Verhältnis, das zeitweise zwischen den tibetischen Priestern und den chinesischen Kaisern als ihrer Schutzmacht gegen äußere Angriffe bestand. Es liegt auf der Hand, dass die Verordnung besondere politische Bedeutung bekommen wird, wenn der Dalai Lama stirbt und Peking einen ihm genehmen Nachfolger installieren will.

          Geist kann sich nicht selbst verursachen

          Dieses Szenario steht dem Dalai Lama nun vor Augen, wenn er mit seiner Erklärung verhindern will, dass die Partei, wie er schreibt, die Tibeter „täuscht“ und „unsere einzigartigen kulturellen Traditionen ausradiert“. Wie aber stellt er das an, wenn er doch selbst überlegt, mit alten Traditionen zu brechen? Er spannt zunächst einen weiten religionsphilosophischen Bogen, indem er erläutert, dass der von allen Buddhisten geteilte Glaube an die Wiedergeburt zu unterscheiden ist von dem tibetischen Brauch, Reinkarnationen von bestimmten Personen, die eine höhere Einsicht erlangt haben, im Interesse der durch sie unterstützten Gemeinschaft namentlich zu identifizieren.

          Was da überhaupt und auf welche Weise wiedergeboren wird, darüber gebe es unter den buddhistischen Schulen verschiedene Ansichten (eine unveränderliche „Seele“ kann es angesichts der vom Buddhismus vorgenommenen Ablehnung jeglicher feststehender Realität ja nicht sein); klar sei, dass der im Menschen anzutreffende Geist sich nicht selbst verursachen könne und daher seinen Grund in einer über das einzelne Leben hinausreichenden Kontinuität haben müsse.

          Ein Nachfolger noch zu Lebzeiten

          Wenn der Dalai Lama nun erklärt, „die einzige legitime Verfügungsautorität über den Ort und die Art und Weise einer Wiedergeburt“ habe die zu reinkarnierende Person selbst, so fußt das auf der von ihm zuvor dargelegten Lehre von den erleuchteten „Bodhisattvas“, die im Unterschied zu den normal Sterblichen nicht in den unfreiwilligen leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten eingegliedert seien, sondern aus Mitleid mit den Menschen sich selbst frei für ein künftiges Leben entscheiden könnten.

          Sogar eine „Emanation“ zu Lebzeiten sei dieser Lehre nach möglich, schreibt der Dalai Lama und deutet damit an, dass er auch direkt einen Nachfolger bestimmen könnte. Ansonsten aber nennt er die traditionellen Verfahren zum Auffinden einer Reinkarnation, die von den zuständigen religiösen – und nicht staatlichen – Einrichtungen überwacht werden müssten und die er später noch detaillierter festlegen will. Und er hält die Bedrohung durch eine politische Indienstnahme des Amts offenbar für so groß, dass er „mit etwa neunzig“, wie der jetzt Sechsundsiebzigjährige in einer rätselhaften Wendung schreibt, mit den hohen Lamas und der tibetischen Öffentlichkeit darüber zu Rate gehen will, ob die Institution des Dalai Lama überhaupt fortgesetzt werden solle. Schon in diesem Frühjahr hatte er gegen den Protest Pekings auf die politischen Funktionen seines Amtes zugunsten eines gewählten Vertreters verzichtet.

          So ergibt sich die paradoxe Lage, dass die KP, die sonst nicht müde wird, die theokratische Herrschaft der Lamas in Tibet zu kritisieren, in dem Moment deren Tradition verteidigt, in dem der oberste Religionshüter sie aufgeben will. Für den Buddhismus haben Institutionen, verglichen mit immateriellen Vorgängen, ohnehin keinen großen Realitätsgehalt. Für die Partei ist es umgekehrt. Nur als Konvention ist die Religion für sie zurechenbar, und unheimlicher als der Dalai Lama wäre für sie sein entinstitutionalisierter, gewissermaßen anarchischer Geist.

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