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Wiederaufbau : Letzte Chance für das alte Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Zwischen Römer und Dom soll in Frankfurt eine Altstadtgasse gebaut werden - größtenteils als Kopie. Dabei warten die lange Zeit vergessenen Überreste des historischen Stadtkerns in Museen und Lagern auf ihre Verwendung.

          Frankfurts Altstadt wurde nicht in den beiden berüchtigten Märznächten des Jahres 1944 zerstört. Zwar verheerten die Bomben einen Großteil von ihr, aber ausradiert wurde sie erst durch Sprengkommandos, die 1950 „reinen Tisch“ machten für einen modernen Wiederaufbau. So fanatisch die damals Verantwortlichen ihre Pläne durchsetzten, sie besaßen doch den Anstand, wertvolle Fragmente bergen zu lassen. So wanderten Dutzende von Hauszeichen, Krag-, Schluss- und Maskensteine, Fassadenplastiken und Ziergitter in Sammellager. Das zugleich beschämendste und melancholischste wurde die 1944 ausgebrannte gotische Karmeliterkirche. Bis zu deren Wiederaufbau als archäologisches Museum waren dort, gestützt von maroden Bahnschwellen, Altstadtreste zu bizarren mementi mori aufgestapelt.

          Manchmal barg man 1950 sogar vollständige Fassaden und Wände. Zum Beispiel eine spätgotische Hauskapelle, die unverhofft aus dem Schutt eines historistischen Geschäftshauses ragte, und Teile des Festsaals, die den Brand des barocken Thurn-und-Taxis-Palais überdauert hatten. Doch solche Pietät blieb selten: Der Treppenturm und die diamantierten Erdgeschossarkaden des 1619 erbauten Hauses „Zur Goldenen Waage“ beispielsweise wurden kurzerhand an einen Privatmann verkauft, der sie als pittoreske Laube im Garten seiner Vorortvilla wiederaufrichten ließ.

          Stein für Stein kopiert

          Die „Goldene Waage“ ist ein Zentralbau der Rekonstruktionspläne für das Areal zwischen Dom und Römer, die nun beschlossen sind. Gemeinsam mit sechs anderen ehemals prominenten Häusern soll sie, sobald der Betonkoloss des Technischen Rathauses von 1972 abgerissen ist, am einstigen Standort nachgebaut werden. Ihre Originalteile werden im Götzenhainer Garten bleiben; von den übrigen zum Nachbau vorgesehenen Bauten fehlen gar jegliche Reste, sie müssen Stein für Stein und Balken für Balken kopiert werden.

          Es sei denn, für das zur Rekonstruktion vorgesehene Barockhaus „Zum Esslinger“ würde man dessen Seitenfront aus dem Magazin holen. Sie war 1906 bei der Bebauung der damals neuen Braubachstraße in einen historisierenden Neubau integriert worden, überdauerte die Sprengung der Vorderhausruine 1950 und musste erst 1968 dem Technischen Rathaus weichen, wobei man wenigstens die geschwungenen Fenstergitter, einige barocke, üppig geschnitzte Klappläden und den fein ziselierten Schlusstein des Portalbogens dem Historischen Museum zur Einlagerung überstellte.

          Verrottend auf Lager

          Beim selben Abriss verschwanden ein Renaissance-Portal und ein weitläufiger barocker Säulen-Altan, die nun als einstige Teile des verschwundenen Hofs „Zum Goldenen Lämmchen“ auferstehen sollen. Doch ob Bergung wie bei der Esslinger-Fassade oder Vernichtung wie beim Lämmchenhof - die Wirkung war die gleiche: Kaum außer Sicht, waren die Fragmente vergessen. So vergessen wie alle Altstadt-Überreste, die seit nunmehr fünf Jahrzehnten verrottend auf Lager liegen.

          Herrlichkeiten sind darunter wie die Schnitzfassade des Salzhauses von 1600, die bis 1944 Bestandteil des Römer war. Jahrzehntelang galt die Renaissancefront als verbrannt - ausgenommen vier Schmuckplatten mit Allegorien der Jahreszeiten, die den Ersatzbau der fünfziger Jahre zieren. Vor drei Jahren traute man seinen Augen nicht, als rund drei Fünftel der Fassade in einer Kabinettsausstellung des Historischen Museums präsentiert wurden: üppige Karyatiden und Atlanten, Löwenköpfe, Arabesken und Rosetten, dazu die feinen Züge des feuergeschwärzte Porträtkopfs der einstigen Bauherrin. Gleich diesen kunsthandwerklichen Kostbarkeiten lagern bocksbeinige eichenhölzerne Faune im Museum, die den sogenannten „Großen Speicher“ schmückten, einen prunkvollen niederländischen Handelshof von 1616, den die Nazis 1938 wegen eines Straßendurchbruchs abgetragen und eingelagert hatten. Womöglich modert in irgendeinem Magazinwinkel auch noch das reiche Schmuckfachwerk des um 1500 entstandenen Hauses „Zum Heydentanz“, das ebenfalls 1938 demontiert und zwecks Wiederaufbau magaziniert wurde.

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