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Wiederaufbau in Japan : Das Beste ist Helfen an Ort und Stelle

  • -Aktualisiert am

Mit Wellen von bis zu 38 Meter Höhe verwüstete 2011 ein Tsunami Japans Ostküste. Der schleppende Wiederaufbau aber übersieht regionale Sonderfälle und die Anliegen der Bevölkerung Bild: Kahoku Shimpo publishing co

Nach dem Tsunami 2011 beschreiten Japans Architekten neue Wege der Zusammenarbeit mit den Betroffenen. Die Berliner Architekturgalerie Aedes präsentiert den Wiederaufbau an der japanischen Ostküste.

          Die Sanriku-Küste im Osten Japans wurde oft von Tsunamis verheert. Doch auch nach den gewaltigsten Zerstörungen, wie 1611, 1896, 1933 und 1960, setzte die von Fischfang und Landwirtschaft, seit dem 20. Jahrhundert auch von der Industrie lebende Bevölkerung alles daran, die dünn besiedelten Regionen wiederaufzubauen. Am 11. März 2011 verwüsteten das Tohoku-Erdbeben und der folgende Tsunami fünfhundert Kilometer Küste. Etwa 38 Meter hohe Wellen drangen bis zu elf Kilometern ins Landesinnere vor, rissen Dörfer und Stadtviertel mit sich. Sechzehntausend Menschen starben, 2654 Personen sind bis heute vermisst. Mehr als 126 000 Gebäude wurden vollständig zerstört, etwa eine Million ramponiert. Der Gesamtschaden beträgt umgerechnet 180 Milliarden Euro.

          Mit dem Abräumen unvorstellbarer Mengen an Schutt und Unrat begann schon 2011 der Wiederaufbau. Seither sind 53000 temporäre Wohnungen für rund 110 000 Bewohner entstanden. Doch sie reichen allenfalls für jeden vierten von ursprünglich 470 000 Evakuierten; im September 2013 warteten noch 286 000 Menschen auf ihre Rückkehr.

          Architekten, die zuhören

          Die Aufbaurate von 25000 geplanten Wohnbauten erreicht derzeit gerade einmal fünfzehn Prozent. Doch nicht das schleppende Tempo des Wiederaufbaus, sondern die Schwerpunktsetzung seitens der Behörden weckt zunehmend Kritik. Im Kreuzfeuer stehen große technische Infrastrukturmaßnahmen wie die Erhöhung und Erweiterung der 2011 nahezu unwirksamen Tsunami-Schutzmauer, die enorme Ressourcen bindet. Zudem fehlen den Zuständigen die Zeit und das Verständnis für eine gründliche Bestandsaufnahme, für Gespräche mit den Betroffenen und deren Einbeziehen in die Planungen. Hinzu kommt, dass letztere meist von Ingenieuren ausgearbeitet werden, denen in Japan Fragen der Stadtplanung, der Architektur und der Bürgerbeteiligung fremd sind.

          Dieses Defizit will die Organisation „ArchiAid“ kompensieren. Das Netzwerk von japanischen Architekten versucht, mit Projekten, die auf die spezifischen Bedürfnisse der einzelnen Gemeinden zugeschnitten sind, den „top-down“ geplanten Maßnahmen etwas entgegenzusetzen. Mit geradezu guerrillaartigen Bauaktionen wollen die Architekten von ArchiAid im Schulterschluss mit den Bewohnern eine Regenerierungsstrategie entwickeln. Welche erstaunlichen Ergebnisse man mit oft beschränkten finanziellen und technologischen Mitteln schon erzielt hat, ist nun bei Aedes in Berlin zu sehen.

          Aus den Trümmern eine neue Welt schaffen: „ArchiAid“ setzt auf den direkten Kontakt mit den Betroffenen

          An ArchiAid beteiligen sich mittlerweile mehr als dreihundert Architekten. Unter ihnen sind Berühmtheiten wie Toyo Ito, Kazuyo Sejima und Kengo Kuma, aber auch rund zweihundert Studenten. Die Leitung hat ein Steuerungskomitee inne, dem unter anderen Hitoshi Abe von der UCLA in Los Angeles und Momoyo Kaijima und Yoshiharu Tsukamoto vom international berühmten Atelier Bow-Wow angehören.

          Doch nicht der Ruhm, sondern die lokale Verbundenheit vieler Architekten bewirkt die Akzeptanz von ArchiAid: Vertraut mit den regionalen Besonderheiten - Topographie, Architektur, Ökonomie - sowie den Strukturen und der Mentalität der Einwohner, sammeln die Architekten zunächst die Erinnerung der Einwohner an das Verlorene und deren Erwartungen. Gemeinsam mit ihnen entwickeln sie dann in Workshops aus Ideen Projekte, die nicht auf kurzfristiges Beheben von Mängeln zielen, sondern auf nachhaltige Strategien zur Revitalisierung einer Region, die schon vor dem Tsunami unter Wirtschaftsschwäche, Entvölkerung und dem demographischen Wandel litt.

          Temporäre Holzhütten

          Für die Ortschaft Ayukawahama plant ArchiAid statt der Erhöhung der Tsunami-Schutzmauer eine höher gelegte, hangbegleitende Straße. Ihr dammartiger Sockel soll die künftig ausschließlich oberhalb der Straße befindlichen Wohngebiete vor Überflutungen schützen. Die Küstenbereiche sollen, bestückt mit kleinen Läden ( fliegenden Bauten, die bei Tsunamiwarnung schnell geräumt werden können), als öffentliche Freifläche dienen.

          Um dem Wohnungsmangel schnell, aber ohne die üblichen Provisorien abzuhelfen, schlägt ArchiAid für das gesamte Katastrophengebiet ein Modulsystem aus Zedernholz vor, dessen Keimzelle, ein acht Tatamis (rund dreizehn Quadratmeter) fassender Raum, in zwei Tagen aufgebaut und später um gleich große Räume sowie eine Veranda erweitert werden kann. Ebenfalls aus Holz bauten Studenten und Einwohner in Nagashizu Banya schon im August 2011 ein Gebäude für die örtliche Fischindustrie, dem sie 2012 ein zweites anfügten. Solche mit örtlich verfügbaren Materialien und der Mithilfe von Einheimischen realisierbaren Projekte haben sich als wirksamstes Mittel gegen den fortwährenden, von weiterer Entvölkerung begleiteten wirtschaftlichen Niedergang erwiesen.

          Das Ausstellungsdesign bei Aedes ist von einer Installation inspiriert, die in der Yuriage-Grundschule kurz nach dem 11. März 2011 zu sehen war: Vom Meerwasser gezeichnete Fotografien, im Katastrophengebiet gefunden, wurden auf quer durch den Raum gespannten Fischernetzen getrocknet und ausgestellt. So entstand ein kollektives fotografisches Manifest der Erinnerung und des Mahnens für einen angemessenen Wiederaufbau. Die Pläne und Fotos, die jetzt in Berlin präsentiert werden, sind ein Appell, mit den Betroffenen zu planen und beim Wiederaufbau Sorgfalt walten zu lassen.

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