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Wie zu Zarenzeiten : Beten für Putin

  • -Aktualisiert am

Mit Kerzen: Wladimir Putin im Januar 2008 Bild: REUTERS

Man muss sich, soweit wir wissen, keine Sorgen machen um Putins Gesundheitszustand. Und gewiss auch nicht um sein Seelenheil. Dennoch wird Schülern in Petersburg jetzt die Fürbitte für die beiden mächtigsten Männer Russlands nahegelegt.

          Die Blüte der russischen Nation lernt wieder, für den Zaren zu beten. Bei der Feier zum Tag des Kindes, welche die Petersburger Suworow-Kadettenschule gerade abgehalten hat, bekamen begabte Schüler im Alter von acht bis vierzehn Jahren Geschenktüten, in denen auch gedruckte Gebetstexte steckten. Darin wird Gott angerufen, er möge seinen Knechten Dmitri und Wladimir, als welche die Machthaber Medwedjew und Putin vor dem Höchsten dastehen, den Erzengel Michael zu Hilfe schicken, damit er ihre Feinde zerschmettere und sie selbst vor Versuchungen durch Teufelskräfte beschütze.

          Die Idee zu dem staatsfrommen Geschenk, das an die vorrevolutionäre Fürbitte für den Selbstherrscher anknüpft, hatte die Lehrerin Natalja Jerutina, die an der Suworow-Schule den Nachwuchs für den höheren Militärdienst heranzieht. Frau Jerutina fand es insbesondere weise, wie sie sich ausdrückt, das Staatsoberhaupt, das inzwischen doppelköpfig ist wie der russische Reichsadler, im Gebet beim christlichen Vornamen zu nennen wie zu Zeiten der Romanows und Rjurikiden.

          Wer könnte etwas dagegen haben?

          Dmitri setzt fort, was Wladimir begann, während Wladimir weiterhin für den russischen Staat sorgt, sagt die Erzieherin der Armee-Elite von morgen, was klingt, als seien Putin und Medwedjew schon Helden russischer Klosterchroniken. Die Aktion, die nicht mit der Kirchenführung abgestimmt war, veranschaulicht, wie die Stützen der russischen Dissensgesellschaft ihren Erben Treue zu den Staatslenkern auch dadurch einzuimpfen versuchen, dass sie sie der unattraktiven politischen Realität spirituell entrücken. Das entspricht ganz dem Interesse der Kirche, die das Gebiet dieses Staates als ihr kanonisches Territorium und ihre Bewohner als zumindest latent orthodox ansieht.

          Auswendig gelernte Gebete können bei der Bekehrung helfen. So wollte auch der Petersburger Priester Wjatscheslaw Charinow „nichts Schlechtes“ daran finden, Schülern Gebete zu schenken. Er gab zwar zu, dass für kleine Kinder das Geschenk einer Fürbitte für die politische Führung vielleicht etwas unpassend sei. Wem die Gabe missfalle, der könne sie natürlich zurückweisen, merkte der Geistliche an, machte aber beinahe drohend klar, dass das kaum gutzuheißen wäre. Denn wenn jemand dagegen sei, für das Staatsoberhaupt zu beten, mahnte Vater Wjatscheslaw, dann sei er vielleicht gegen die Obrigkeit überhaupt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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