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Wie wollen wir leben? : Wiener Benimm

  • -Aktualisiert am

Die Stadtregierung hat ihre Bürger aufgerufen, einen Verhaltenskodex für alle zu entwerfen und im Internet zu diskutieren.

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          Es geht „um das Zusammenleben aller“: Die Stadt Wien will unter dem Titel „Wiener Charta“ einen Verhaltenskodex für ihre Bewohner ausarbeiten lassen, unter größtmöglicher Bürgerbeteiligung. Ein unerhörtes Unterfangen, welches da im Koalitionsvertrag der Stadtregierung aus Sozialdemokraten und Grünen nach den Wahlen 2010 vereinbart wurde. In ganz Europa gebe es so etwas nicht, rühmen Bürgermeister und Vizebürgermeisterin den kühnen Plan. Woanders käme man vermutlich auch gar nicht erst auf so eine Idee.

          Die Vorschläge, die man nun alle im Internet einsehen kann, klingen vielversprechend. Bei öffentlichen Verkehrsmitteln erst die Fahrgäste aussteigen lassen, im Auto nicht so oft hupen, nicht auf der Straße ausspucken, Hunde von den Kinderspielplätzen fernhalten, eine bessere Sprachkultur im Umgang miteinander (auch für Politiker!), weniger Telefonate in der U-Bahn, mehr Respekt für Ältere, mehr Verständnis für Kinder - das bildet nur eine kleine Auswahl aus den auf allen nur erdenklichen Wegen eingesandten Ideenspenden. Aber warum klingt es so bekannt?

          Nun, die Gemeinde Wien ist mit rund einer Viertelmillion kommunaler Wohneinheiten (bei einer Bevölkerung von knapp unter zwei Millionen) eine der größten Eigentümerinnen von Mietobjekten, zum Teil noch als Vermächtnis des so-genannten „Roten Wiens“ der Zwischenkriegszeit. Zwar wurde im Jahr 2000 pro forma die Verwaltung dieses Wohnungsbestands von einer direkt der Stadtregierung unterstehenden Magistratsabteilung in eine „Unternehmung der Stadt Wien“ ausgelagert, aber sonst blieb alles beim Alten.

          Und so gilt auch in allen diesen Gemeindebauten dieselbe Hausordnung, die ganz einfach im Internet abrufbar ist: „Hausmüll und sonstige Abfälle gehören in die jeweils dafür vorgesehenen Behälter.“ „Nach 22 Uhr ist jegliches Lärmen zu unterlassen.“ Und so weiter und so vertraut. Vergleicht man beide Ordnungssysteme, das nun zu diskutierende und das bereits angeordnete, miteinander, fällt auf, dass sie nur für eine Seite der Vertragspartner (und erstaunlicherweise ist es nicht die Verwaltung) verbindlich sind. Die Hausordnung im Gemeindebau kommt immerhin ehrlicher daher: Man hat vorher nicht auch noch Zeit in eine Diskussion darüber investieren müssen.

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