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Gina Thomas (G.T.)

Philosoph Roger Scruton : Champagner aus der Flasche

  • -Aktualisiert am

Will das Alte bewahren statt das Neue zu gestalten: Roger Scruton. Bild: Picture-Alliance

Ein Philosoph stürzt über ein entstelltes Interview: Der konservative Denker Roger Scruton hat sich mit seiner Neigung zur polemischen Überspitzung viele Feinde gemacht. Nun triumphieren seine Kritiker.

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          Der britische Philosoph Roger Scruton ist durch die Randalen der Achtundsechziger zum Konservativen bekehrt worden. Er will das Alte bewahren statt das Neue zu gestalten. Idealismus hält er für gefährlich. Er verweist darauf, dass Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus auf Systemen basierten, die mit radikalen Mitteln eine ideale Welt zu schaffen suchten. Das zwanzigste Jahrhundert habe gezeigt, wohin das führe.

          Scruton hat einmal bekundet, sich in Opposition zu seiner Umwelt zu definieren. Das heißt in der geistigen Welt in Opposition zum dort herrschenden linken Konsens. Mit seiner Neigung zur polemischen Überspitzung hat sich der konservative Denker viele Feinde gemacht. Umso überraschender war es, dass die britische Regierung Scruton Ende vergangenen Jahres aufgrund seiner Gedanken über die Ästhetik und den Verlust an Schönheit, in dem er auch einen Werteverfall sieht, zum Vorsitzenden eines Gremiums zur Verbesserung der gebauten Umwelt ernannt hat.

          Weltweite Autorität

          Die Linke hat sogleich dagegen agitiert. Sie hat ihn mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten des Antisemitismus, der Islamophobie und der Homophobie bezichtigt. Im Parlament fand ein Labour-Abgeordneter Zuspruch, als er wetterte, dass es für jemanden mit Scrutons Ansichten keinen Platz gebe in der modernen Demokratie. Damals verteidigte der zuständige Minister den Philosophen als weltweite Autorität auf dem Gebiet der Ästhetik und bedauerte, dass Scruton, der sich so energisch für die freie Rede eingesetzt habe, „derart falsch informierter und unbedachter persönlicher Angriffe“ ausgesetzt sei.

          Jetzt haben Scrutons Feinde ihre Trophäe bekommen, allerdings mit gezinkten Karten. Der stellvertretende Chefredakteur des renommierten linksliberalen Wochenmagazins „New Statesman“ hat Scruton interviewt. Auf Twitter und in der gedruckten Fassung sind dessen Äußerungen über den Streit zwischen dem Milliardär George Soros und Viktor Orbán, über China, über die muslimische Einwanderung und über den Begriff Islamophobie, den Scruton als Propagandawort der Muslimbruderschaft ablehnt, durch Manipulation entstellt worden.

          Vier Stunden, nachdem der Journalist mit frisierten Zitaten für seinen Text auf Twitter geworben hatte, wurde Scruton wegen seiner „zutiefst anstößigen und völlig unannehmbaren Kommentaren“ von seinem unbezahlten Beraterposten entlassen. Der Journalist triumphierte auf Twitter mit einem inzwischen entfernten Bild, auf dem er Champagner aus der Flasche trinkt. Darunter beschwor er „das Gefühl, wenn man die Entlassung des rechten Rassisten und homophoben Roger Scruton als Tory-Regierungsberater bewirkt“. Der Journalist streute auf Twitter auch den Satzfetzen, „jeder Chinese ist eine Art Replikat des nächsten, und das ist sehr beängstigend“.

          Tatsächlich hatte Scruton dieser Bemerkung eine Kritik an der chinesischen Regierung vorangestellt, die „Roboter aus ihrem eigenen Volk macht, indem sie einschränkt, was getan werden kann.“ In der Druckfassung wurde dieser Satz durch die Auslassung des Hinweises auf die Einschränkung der Freiheit in China komprimiert. Dies sei aus Platzgründen erfolgt, so der Journalist. In den achtziger Jahren hat Scruton Kopf und Kragen riskiert, um Dissidenten im totalitären Ostblock zu helfen. Jetzt wird er in der freien Welt zum Opfer von Denkpolizisten, die den zivilisierten Diskurs unterbinden, weil sie abweichende Meinungen nicht tolerieren können.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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