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Soziale Kälte : Die mangelnde Empathie der Reichen

  • -Aktualisiert am

Nicht ohne meinen Goldbarren: Wer Geld hat, zeigt es gern Bild: AFP

Je reicher, desto weniger mitfühlend: Eine Studie zeigt, dass es wohlhabenden Menschen oft schwer fällt, die Gefühle anderer zu lesen. Weshalb?

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          Geld verdirbt den Charakter, sagt der Volksmund. Wen finanzielle Polster abfedern, der dürfte darüber nur müde lächeln, sich noch ein Gläschen Champagner gönnen und die Unterstellung als Neid der abgehängten Masse abtun. Ganz so einfach ist es natürlich nicht, woran eine in der amerikanischen Fachzeitschrift „Personality and Social Psychology Bulletin“ veröffentlichte Studie erinnert. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen mit einem hohen Einkommen größere Schwierigkeiten haben, anhand des Augenausdrucks ihres Gegenübers dessen Gefühle zu entschlüsseln, als wirtschaftlich schlechtergestellte Menschen. Anders formuliert: Ein hoher sozioökonomischer Status beflügelt offenbar nicht gerade die Empathie, geschweige denn tatkräftiges Mitgefühl, das mehr ist als ein kurzes Aufflackern von Betroffenheit.

          Stressiges Luxusleben

          Eine mögliche Erklärung, so die Forscher, sei, dass Personen der unteren Klasse aufgrund ihrer stärkeren kulturellen Interdependenz andere Menschen als relevanter für ihre Ziele und ihr Wohlbefinden bewerten als Personen der höheren Klasse. Das klingt (Stichwort taktische Empathie) weniger schmeichelhaft, als es gemeint ist. Denn das prosozialere Verhalten ärmerer Menschen führt dazu, dass das Leid anderer ihre „physiologische Erregung“ messbar erhöht, während reichere Zeitgenossen eher cool bleiben. Was die Defizite Wohlhabender beim Miteinander betrifft, darf man allerdings eines nicht vergessen: So ein Luxusleben lässt wenig Zeit für zwischenmenschliche Aufmerksamkeit, weil ständig irgendetwas geregelt beziehungsweise veranlasst werden muss: Partys, Yachtausflüge, Autokäufe, Hauskäufe, Bedienstete einstellen, Bedienstete entlassen, Charity-Events, da kommt tatsächlich einiges zusammen.

          Wer glaubt, ein solches Leben sei der reinste Spaß, der sollte mal bei der beliebten Reality-Serie „The Real Housewives of Beverly Hills“ reinschauen. Für mimische Feedbackschleifen bleibt da kein Platz. Gemeinsam zu üben fällt zumindest bei den „Real Housewives“ flach, weil die Bandbreite ihrer Gesichtsausdrücke ganz ohne Maske botoxbedingt auf ein Minimum zusammengeschrumpft ist. Dabei kann der Mensch mit nur 43 Muskeln mehr als 10.000 verschiedene Ausdrücke erzeugen – es gibt so viel in einem Gesicht zu entdecken! Aus der Empathieforschung weiß man außerdem, dass (beinahe) niemand dazu verdammt ist, sozial blind durchs Leben zu stolpern. Selbst die nicht, die glauben, es sich leisten zu können, egal, wie viel sie verdienen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

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