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Kant-Debatte : Wie rassistisch ist der kategorische Imperativ?

  • -Aktualisiert am

Im November 2018 wurde die Statue von Kant vor der Universität in Kaliningrad mit Farbe beschmiert. Bild: dpa

Dient die Vernunft nur dazu, die Unvernünftigen auszugrenzen? Die Philosophin Myisha Cherry stilisiert Immanuel Kant zum Privilegienwächter – und setzt Psychologie an die Stelle der Aufklärung.

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          Steht Kant Pate für die populistische Ausschließungsrhetorik der Gegenwart? Während sein Erbe in Russland nationalistisch angefeindet wird, schreibt Myisha Cherry, Philosophie-Professorin an der University of California, den Aufklärer selbst in diese Tradition ein. In der „Süddeutschen Zeitung“ behauptet sie, Kant habe, nachdem er die „Fähigkeit, rational zu denken und zu handeln“, zur Definition des Menschseins erhoben habe, „bestimmte Gruppen“ wie etwa Schwarze davon ausgeschlossen. Im Schubladenregister der kritischen Sozialwissenschaft gehöre der „Alleszermalmer“ also unter das Phänomen des „Othering“ einsortiert, ein Phänomen, das die Diskriminierung anderer sozialer Gruppen durch die Aufwertung der Eigengruppe beschreibt.

          Nun sind Kants teils wirklich rassistische Äußerungen über Schwarze schon vor dreißig Jahren dem Spott Eckhard Henscheids zum Opfer gefallen, der dabei freilich keine politische Korrektheit nach heutigem Verständnis im Sinne hatte – die Schrift „Eckhard Henscheid/Immanuel Kant: Der Neger (Negerl)“ wurde aus dem Buchhandel entfernt. Muss man nun auch noch Kants universalste Universalie, die Befähigung zur Vernunft, als brutales Eigengruppenprivileg verstehen? Immerhin basiert auf dieser Einsicht der kategorische Imperativ, wonach jede Person „jederzeit als Zweck, niemals bloß als Mittel“ zu behandeln sei. Myisha sieht darin nur eine Exklusivermächtigung des Philosophen und plädiert „im Gegensatz zu Kantianern“ folgerichtig nicht für den Gebrauch der Moral, um „Othering“ zu unterbinden, sondern will „an unser großes Verlangen appellieren“, nicht bloß eine „durchschnittliche, mittelmäßige Existenz“ zu führen. Wer andere abwertet und ausschließt, um die eigene Gruppe zum Maßstab zu machen, offenbart seine Sehnsucht nach langweiliger Normalität, so die bestechende Logik der Professorin; das müsse man nur noch anprangern.

          Psychologie gegen Vernunft – sticht die moderne Vermarktungslogik letztlich die ewige Leier der Aufklärung? Rechtsextremisten dürfte es schwerfallen, im Insistieren auf vermeintlicher Normalität Anlass für Scham zu sehen. Immerhin dreht sich ein Großteil ihrer Rhetorik darum, alte, mitunter auch langweilige Gewissheiten aggressiv zu verteidigen. Wie es in einer Gegenwart, die den Individualismus zunehmend der Kritik aussetzt, noch möglich sein soll, die „Schönheit und Menschlichkeit im Unterschied“ zu erkennen, indem man den Individualismus nur auf die Spitze treibt, bleibt wohl das Geheimnis der Autorin.

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