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Dresden am 9. November : Einsames Erinnern

Ein Mann will in Dresden am 9. November einen Stolperstein reinigen und damit der NS-Opfer gedenken. Neben ihm marschieren die Anhänger von Pegida. Was er über sich ergehen lassen muss, ist furchtbar.

          3 Min.

          Viktor Vincze will einen Stolperstein reinigen. Es ist der Abend des 9. November, überall in Deutschland wird an diesem Tag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Auch mit dem Reinigen von Stolpersteinen - sie erinnern an Menschen, die während des Nationalsozialismus verschleppt und getötet worden sind. Ohne diese Form des Erinnerns wären ihre Namen sicherlich längst vergessen. Auch in Dresden, wo Vincze wohnt, findet man die Steine. Vor einigen Jahren hat er die Patenschaft für jenen übernommen, der dem sorbischen Priester Alois Andritzki gewidmet ist. Im Alter von 29 Jahren wurde er am 3. Februar 1943 in Dachau ermordet.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Viktor Vincze, schlank, schwarze Haare, schmales Gesicht und kaum zehn Jahre älter als Alois Andritzki bei seinem Tod, läuft los, eine Straße in der Altstadt entlang. Er mag Dresden, sehr sogar, doch jetzt, an diesem Montag, ist ihm mulmig zumute. Immer schneller werden Vinczes Schritte. Gut möglich, dass er sich keinen Augenblick des Zögerns erlauben will - in Momenten aufkommender Zweifel ist Schnelligkeit ein guter Partner, wenn man sein Ziel nicht aus den Augen verlieren will. Für sich genommen, ist das Pflegen eines Stolpersteins ja keine große Sache. Um ihn zu reinigen, muss man sich bücken oder auf den Boden knien. Es ist eine Bewegung, die man durchaus als symbolische Verbeugung vor den Opfern des Nationalsozialismus deuten kann, und niemand, aber wirklich niemand in Deutschland sollte sich deshalb unwohl fühlen müssen. Es wäre ein Zeichen, dass etwas in eine falsche Richtung läuft. Genau das aber tut es in Dresden seit langem. Früher war die Stadt bekannt als Ort der deutschen Kunst und Kultur. Dann kam Pegida. Die Bewegung hat aus Dresden ein Sinnbild für rechte Hetze gemacht.

          „Wir sind kein Bühnenbild für Hass“

          Sie findet ihren Nährboden dort, wo Vincze mittlerweile angekommen ist: auf dem Theaterplatz vor der Semperoper. Wie jeden Montagabend versammeln sich dort auch jetzt wieder Pegida-Anhänger, um fremdenfeindlichen Parolen Beifall zu zollen, während die Gegendemonstranten in die Neustadt geleitet werden. Vincze wird angerempelt, strauchelt kurz. Die Leute auf dem Platz haben mittlerweile einen Blick für jene, die sich ihrer Weltsicht verweigern. Die deutsche Flagge wird geschwenkt, die russische. Dann eine russische Flagge, in deren Mitte der sächsische Löwe prangt. Auch die Wirmer-Flagge, bekannt als Stauffenberg-Flagge, ragt zwischen den Köpfen empor: Sie geht auf den katholischen Juristen Wirmer zurück, der zum Unterstützerkreis des Stauffenberg-Attentats gehörte. Der Fahnenschwenker will wohl suggerieren, dass hier wahre Demokraten stehen. Die Semperoper weiß es besser: „Wir sind kein Bühnenbild für Hass“ steht auf der elektronischen Leinwand über ihrem Eingang, hell strahlt sie in die dunkle Nacht. Direkt gegenüber der Oper liegt die Hofkirche, Vinczes Ziel. Andritzki war dort bis zu seiner Verhaftung 1941 als Kaplan tätig. Der Stolperstein, der an ihn erinnert, wurde deshalb vor der Kirchentreppe in den Boden eingelassen.

          Vincze geht in die Knie, wischt den Stolperstein behutsam sauber. Er zieht eine Kerze hervor, entzündet sie, legt drei Rosen neben den Stolperstein. Ein Herr im Jackett bleibt vor ihm stehen, stellt sich vor als Rechtsanwalt. Er sagt: „Ich dachte mir, dass es hier heute einsam wird. Deshalb bin ich hier.“ Von den Lautsprechern der Pegida-Bühne weht Musik herüber, immer mehr Pegida-Anhänger strömen an den beiden Männern vorbei auf den Theaterplatz. Jetzt steht über dem Eingang der Semperoper: „Wir gedenken der Opfer der Reichspogromnacht 1938“. Vincze und der Herr im Jackett sind die Einzigen.

          Sie müssen dafür einiges über sich ergehen lassen. Eine junge Frau tritt heran, möchte wissen, wer „dieser Andritzki“ war. „Ermordet? Das ist ja schrecklich!“, sagt sie, lacht laut auf und geht zu den anderen auf dem Theaterplatz. Dann ein älteres Paar. Sie bleibt stehen, deutet auf den Boden, fragt laut „Was ist das?“ „Ein Stolperstein für Alois Andritzki.“ Die Frau macht eine wegwerfende Handbewegung, sie gehen weiter, kehren dann aber wieder zurück. Die wenige Schritte haben genügt, um ihre Gesichter wütend werden zu lassen:. „Ihr habt sie ja nicht mehr alle! Stolpersteine! Wo es der Wirtschaft so schlecht geht!“, brüllt der Mann, tritt so nahe an Vincze heran, dass ihre Nasen einander fast berühren. „Hast du in deinem Leben überhaupt schon mal gearbeitet? Wer war der Typ überhaupt? Ein Priester?! An die ermordeten Kommunisten wird auch nicht erinnert!“ „An wen denken Sie denn?“, fragt der Mann im Jackett, bemüht um Dialog. „An, an - ach, mir fällt jetzt auch niemand ein, aber die haben die ganzen Straßen hier umbenannt!“ Der nächste ist ein junger Mann. Ob sie von allen guten Geistern verlassen seien: „Da drüben stehen Nazis, was glaubt ihr, was passiert, wenn die euch sehen?“ Als er weg ist, fragt der Rechtsanwalt leise: „Was würde Alois Andritzki wohl zu all dem sagen?“ „Er wäre unbeugsam. Er würde weiter Menschlichkeit predigen“, sagt Vincze.

          Am Ende des Abends tritt Tatjana Festerling vor das Mikrofon. Mit Blick auf den 9. November erklärt sie den „deutschen Schuldkomplex der deutschen Naziherrschaft offiziell für beendet“. Sechstausend Pegida-Anhänger kommen an diesem Abend in Dresden zusammen. Die beiden Männer vor dem Stolperstein bleiben allein.

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