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Koloniale Kulturgüter : Was wird aus belasteten Museumsgegenständen?

  • -Aktualisiert am

Umstrittenes Raubgut: Benin-Bronzen finden sich auch in vielen deutschen Museen. Bild: dpa

In Österreich gibt es von nun an eine Kommission zu kolonialem Kulturgut. Die Kommission soll den Umgang mit Museumsbesitz aus kolonialer Herkunft evaluieren und Kriterien schaffen.

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          Die österreichische Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer setzt eine Expertenkommission zu Fragen des Umgangs mit Kulturgütern aus kolonialen Erwerbskontexten ein. Das Gremium soll bis ins Jahr 2023 Empfehlungen formulieren, wie mit belasteten Objekten in den Beständen österreichischer Bundesmuseen und Rückgabeforderungen verfahren werden soll. Statt über die Rückgabe bestimmter Objekte zu beraten, soll die Kommission Vorarbeiten zu einem allgemein anwendbaren Regel- und Kriterienkatalog leisten, der zur Grundlage eines Ge­setzes werden könnte. Dabei sollen auch Erfahrungen bei der Restitution von NS-Raubkunst berücksichtigt werden, die in Österreich seit 1998 durch ein Kunstrückgabegesetz geregelt wird.

          Als Kommissionsvorsitzenden be­rief die Staatssekretärin, die wie ihre deutsche Amtskollegin Claudia Roth von den Grünen in die Bundesregierung entsandt worden ist, den Kunsthistoriker und Juristen Jonathan Fine, der seit Juli 2021 der wissenschaftliche Direktor des Wiener Weltmuseums ist und zuvor am Ethnologischen Museum der Staatlichen Mu­seen Berlin tätig war. Fine wurde in New York geboren; auch mit Emmanuel Kasarhérou, dem aus Neukaledonien stammenden Direktor des Pariser Völkerkundemuseums Musée du Quai Branly und Golda Ha-Eiros, der leitenden Kuratorin des National Museum of Namibia in Windhoek, sind außereuropäische Perspektiven in der neunköpfigen Kommission vertreten.

          Kommission plant keine „Verzögerungstaktik“

          Zwar besaß Österreich-Ungarn keine eigenen Kolonien in Übersee. Noch unter Maria Theresia in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts unternommene Versuche in Mosambik und der Nikobaren-Inselgruppe im indischen Ozean scheiterten nach nur wenigen Jahren. Später kauften Museen der Doppelmonarchie aber auf dem Kunstmarkt zahlreiche in Unrechtskontexten angeeignete Objekte an. So gelangten auch Bronzen und andere Objekte aus dem ehemaligen Königreich Benin, die Großbritannien bei einer Strafexpedition 1897 erbeutet hatte, in die Bestände Wiener Museen. Größere Objektbestände wurden auch von der k. u. k. Kriegsmarine nach Europa verbracht, etwa während des Boxerkrieges um 1900 in China.

          Mit der Einsetzung der Kommission trägt die österreichische Regierung einer Debatte Rechnung, die zuletzt durch vollzogene und zugesagte Restitutionen an Benin und Nigeria in Frankreich und Deutschland an Fahrt gewonnen hat. Eine pauschale Rückgabe wird in Österreich bislang noch nicht erwogen; Fine wies gegenüber der Wochenzeitung „Falter“ deshalb vorsorglich den Verdacht zurück, dass hinter der Einberufung der Kommission eine „Verzögerungstaktik“ stehe.

          Große Anstrengungen der postkolonialen Provenienzforschung

          Es gehe um die Erarbeitung einer „systematischen Vorgehensweise“, die Einzelfallprüfungen ablösen und zum gesellschaftlichen Konsens in umstrittenen Rückgabefällen beitragen solle. Fine verweist auch auf die große Benin-Ausstellung des Jahres 2007 im Weltmuseum, die unter Einbeziehung nigerianischer Partner stattfand und zur Gründung der Benin Dialogue Group geführt habe: „Ohne sie wäre diese Diskussion höchstwahrscheinlich nicht so in Gang gekommen.“

          Mit der Einsetzung der Kommission verstärkt die österreichische Regierung ihre Anstrengungen in der postkolonialen Provenienzforschung. Aus einer Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Das Museum im kolonialen Kontext“ im Jahr 2019 sind vier geförderte Forschungsprojekte an betroffenen Museen – Museum für angewandte Kunst, Naturhistorisches Museum Wien, Technisches Museum Wien, Weltmuseum Wien – hervorgegangen, deren Ergebnisse in diesem Jahr publiziert werden sollen.

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