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Russische Berichterstattung : Europa, hungere!

  • -Aktualisiert am

So gut gefüllt sind die Brokkoli-Kisten in den meisten Supermärkten derzeit nicht. Russland dramatisiert die Situation etwas. Bild: dpa

Maximal drei Salatköpfe pro Person: Was im russischen Fernsehen über die Zustände in europäischen Supermärkten berichtet wird, sorgt sogar unter Russen für Hohn und Spott.

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          Europäischen Supermärkten gehe das Gemüse aus; Engländer, Norweger, Dänen fänden weder Zucchini noch Brokkoli noch Auberginen, und wenn, dann nur zu astronomischen Preisen, verkündet die schicke Nachrichtensprecherin im russischen Staatsfernsehen mit hämmernder Diktion. Triumphierend zeigt dazu die Kamera leere Regale. Restbestände würden streng quotiert, maximal drei Salat- oder Kohlköpfe pro Person, versichert die Blondine des Ersten Kanals, der so gern vom Chaos in westlichen Nachbarländern berichtet - ob in Berlin Migranten das russische Mädchen Lisa vergewaltigt oder in der Ukraine Nationalisten einen dreijährigen Jungen gekreuzigt hätten.

          Dieser Bericht, der das russische Publikum an die späte Sowjetzeit erinnert, als man Wodka und Wurst nur gegen Bezugsscheine bekam, hat indes einen wahren Kern. Einige Handelsketten in Großbritannien meldeten tatsächlich, Brokkoli und Gurken seien oft am Nachmittag ausverkauft, und baten die Kunden, ihre Einkaufsmengen zu begrenzen. Die Ursache soll der kalte Winter in den Produzentenländern Italien und Spanien sein, der auch die Preise steigen ließ. Doch durchs russische Internet hallt homerisches Gelächter. „Ein neues Meisterwerk der Autoren des Thrillers vom gekreuzigten Jungen!“, freut sich der User Jewgeni. Und Alexander textet einen Hilferuf: „Europa geht zugrunde, Russland ist die letzte Hoffnung! Wir sollten von unserer Kartoffelernte etwas für die Europäer abzweigen.“ Anna sekundiert: „Freunde! Wer hat noch Zucchini übrig?“ Und Jekaterina witzelt: „Putin, befreie das britische, norwegische und dänische Proletariat aus den Fängen des transnationalen Mammons!“ Nur Arkadi postet finster: „Gott sei Dank, dass ich als Russe geboren wurde! Wir zermalmen diese Brokkoli mit dem Bulldozer.“

          Tatsächlich lässt der russische Staat Lebensmittel vernichten, die trotz des Importembargos - womit Moskau die westlichen Sanktionen wegen der russischen Ukraine-Invasion beantwortete - ins Land gelangen, ob per Schmuggel oder Reexport, etwa über Weißrussland. Infolge des Embargos stiegen in Russland die Lebensmittelpreise, die Qualität wurde schlechter. Russische Bio-Produkte sind für die ärmer werdende Bevölkerung oft unerschwinglich. Daher gab es immer wieder Aufrufe, verbotene Lebensmittel, die in Russland sichergestellt werden, Bedürftigen zu geben, statt sie zu zerstören. Dieser Tage brachte der Senator Anton Beljakow von der Linkspartei „Gerechtes Russland“ wieder einen entsprechenden Gesetzesentwurf vor die Duma. Die Abgeordneten lehnten den Vorschlag aber ab, mit der Begründung, die Grundbedürfnisse der Bedürftigen würden darin nicht klargemacht. Man kann von den Dienern des Staates wohl nicht erwarten, dass sie vaterländischen Schmelz- und Palmölkäse propagieren, italienischen Mozzarella oder Parmesan aber Obdachlosen schenken. Lieber verbreiten sie die köstliche Mär, auch Europa hungere.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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