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Kampf gegen den Alkohol : Wie man Russen die Freude am Trinken austreibt

  • -Aktualisiert am

Was gibt es Schöneres als nach Feierabend ein Gläschen zu heben? Bild: Picture-Alliance

Viele Russen bringen es nicht fertig, beim Trinken rechtzeitig aufzuhören. Dagegen hilft eine künstlich herbeigeführte Alkoholunverträglichkeit.

          Russische Handwerker sind besser als ihr Ruf, vor allem wenn sie nicht nach Feierabend einen heben, was man ihnen einerseits von Herzen gönnt, was dann aber nicht selten in eine lange alkoholische Auszeit mündet, die Fertigstellungstermine, Familienbudgets und Verwandtschaftsbeziehungen schwer erschüttert. Da unter den in Russland oft dauerhaft stressigen Lebensumständen der Ausweg in die Wodkaseligkeit für viele eine ständige Verlockung darstellt, ersann die Volksmedizin schon früh Methoden, um gegen das Trinken zu immunisieren.

          Am meisten bewährt hat sich zumal auf dem flachen Land das „Kodieren“, wobei traditionellerweise ein Heilkundiger den Patienten mit magischen Beschwörungen traktiert, woraufhin dessen Organismus Alkohol einfach nicht mehr verträgt. Doch diese milde Behandlungsweise funktioniert bei immer mehr Menschen heute nicht mehr. Daher wird sie zunehmend durch eine „harte“ Therapieform verdrängt, bei der Klinikärzte die Alkoholunverträglichkeit medikamentös induzieren.

          Versagende Gliedmaßen

          Der Preis für die Kodierung eines Mitarbeiters – ungefähr hundertfünfzig Euro – ist für etliche Arbeitgeber eine lohnende Investition. Erst unlängst fuhr der Bauherr eines kleinen Hotels in einem Städtchen im Landkreis Rjasan mit einem Fliesenleger, der für seine Qualitätsarbeit, aber auch für seine alkoholbedingten Ausfälle bekannt ist, in die Kreisstadtklinik, wo in der Abteilung für Suchtkrankheiten der Eingriff ambulant durchgeführt wird. Dem Familienvater, nennen wir ihn Dima, wurde intravenös ein Mittel eingeflößt, das, wie der Arzt versicherte, bei jedem Alkoholgenuss lebensgefährdende Reaktionen hervorrufen würde. Um dies zu demonstrieren, ließ der Doktor ihn wenige Tropfen einer Flüssigkeit schlucken, von der er sagte, es sei Whisky, die aber das kurzfristig muskellähmende Suxamethonium enthielt, welches bei Operationen verabreicht wird.

          Dem armen Dima versagten plötzlich nicht nur alle Gliedmaßen, sondern auch die Atmung, doch zum Glück „reanimierte“ ihn der anwesende Anästhesist. So werde es ihm jedes Mal beim Trinken ergehen, versicherten die Mediziner, nur dass kein rettender Arzt da sei – bis in etwa einem halben Jahr das Mittel seine Wirkung verliere. Dima, der sich aus Furcht vor sich selbst freiwillig der brutalen Kur unterzogen hatte, schilderte auf der Heimfahrt seinem Chef tief verstört seine Nahtoderfahrung.

          Jetzt wächst auf der Hotelbaustelle der Fliesenbelag, an dessen Akkuratesse die künftigen Gäste ihre Freude haben werden. Es kann einem wirklich leidtun, dass Dima sich den ersehnten Rausch vergiftet hat und sich nach langen Arbeitstagen kein Gläschen zur Entspannung gönnen kann; dafür sind seine Familie und sein Chef hochzufrieden. Ein ebenfalls in der Provinz praktizierender Arzt erklärt, in der Klinik sei Dima natürlich banale Kochsalzlösung injiziert worden. Er selbst würde niemals „Kodierungen“ durchführen, beteuert der Mediziner; er würde aber auch niemals einem „Kodierten“ verraten, was für Zaubereien mit ihm angestellt wurden.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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