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Vorschlag von Macron : Mona Lisa im Stadion

Tausende Besucher kommen jedes Jahr nach Paris, um die Mona Lisa zu sehen. Frankreichs Kulturministerin schlug nun vor, das Bild an andere Städte auszuleihen. Bild: AFP

Nur mit Bahnhof: Frankreichs Präsident Macron schickt Bilder in die Provinz. Sie sollen das kulturelle Ungleichgewicht in Frankreich ins Lot bringen.

          „Wir müssten das Ministerium mit der größten Bürgernähe sein, aber wir sind am weitesten vom Volk entfernt“: Für einmal hat sich die französische Ministerin für Kultur und Kommunikation Françoise Nyssen durchaus verständlich ausgedrückt. Die renommierte Verlegerin aus Arles tut sich schwer in Paris und in der Politik, wo die Wendung „eine Nyssen machen“ in Umlauf gekommen sein soll. Sie steht, spottete kürzlich der kulturelle Leitartikler von „Le Monde“, für das „Aneinanderreihen von nichtssagenden sprachlichen Perlen und Gemeinplätzen“ und für „Sätze, die kein Ende finden“. So reden zwar auch andere Politiker, aber sie kommen auf den Punkt: Von einer „kulturellen Segregation“ in Frankreich sprach Emmanuel Macron im Wahlkampf, ihre Überwindung ist die Aufgabe, mit der er Françoise Nyssen betraut hat.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Unter Jack Lang, dem letzten wirklich ehrgeizigen und leidenschaftlichen Kulturminister, gab man sich noch etwas bescheidener: Er propagierte die „kulturelle Demokratisierung und Dezentralisierung“. Dass beides scheiterte, daran konnten auch noch François Hollandes Ministerinnen Aurélie Filippetti, Fleur Pellerin und Audrey Azoulay nichts verhindern. Im Gegensatz zu ihnen verfügt Françoise Nyssen über keinerlei politische Erfahrungen. Aber unter ihrer Leitung war es „Actes Sud“ als erstem Provinzverlag gelungen, in die Domäne der Pariser Literaturpreise einzudringen und den Prix Goncourt zu gewinnen. Jetzt soll die Reise zurückgehen in die Provinz.

          Wiederbelebung der kulturellen Wüste

          Am Vorabend des Bahnstreiks hat die Ministerin einen „Aktionsplan für die kulturell prioritären Territorien“ vorgelegt. Eigentlich müsste man den Euphemismus prioritär mit prekär übersetzen. Auf einer Karte sind die versehrten Gebiete verzeichnet, in denen es pro 10000 Einwohner nur eine kulturelle Institution – zum Beispiel eine Bibliothek oder ein Kino – gibt. Der Fahrplan der Ministerin ist kein Zufall. Die Bahn und die Kultur sind gleichermaßen zum Privileg der mobilen Eliten geworden. In zwei Stunden ist man mit dem TGV von Paris in Lyon oder Bordeaux. Er verbindet die prosperierenden Provinzstädte mit der Hauptstadt und ist das Transportmittel für die Gewinner der Globalisierung. Das Netz der Regional- und Vorortzüge indes befindet sich mit Ausnahme des Großraums Paris in einem bedenklichen Zustand. Die aus den Stadtzentren vertriebenen Bevölkerungsschichten sind auf das Auto angewiesen – und der Zugang in die City wird ihnen immer schwerer gemacht.

          Je näher die Bürger bei einem Bahnhof wohnen, um so eifriger wählten sie vor einem Jahr Macron. 77 Prozent bekam er in Orten mit Bahnanschluss. In Vororten und Landkommunen, wo der Anschluss weiter als zwanzig Kilometer entfernt ist, brachte es Marine Le Pen auf sechzig Prozent der Stimmen. Man hätte bei der Analyse der Wahlgeographie den Bahnhof auch durch das Museum oder das Stadttheater ersetzen können. Die „kulturelle Segregation“ ist eine Realität – und der Graben hat sich in der jüngsten Vergangenheit zweifellos vertieft. Neunzig Prozent seiner Mittel gibt das Kulturministerium in Paris und der Ile de France aus. In den großen Provinzstädten mit den verwahrlosten Agglomerationen herrschen ähnliche Verhältnisse. Die Öffnung der Bibliotheken am Sonntag und der Kulturscheck über 500 Euro zum achtzehnten Geburtstag werden daran nicht viel ändern.

          Ihren Aktionsplan für die kulturelle Wüste hat Françoise Nyssen unter dem Titel „Mona Lisa usw. ... die Kultur in Ihrer Nähe“ veröffentlicht. Mit dem „und so weiter“ meint Françoise Nyssen ausdrücklich Werke, „die alle kennen, aber die meisten lediglich als Reproduktion gesehen haben“. Van Goghs Sonnenblumen, in welchem Arrangement auch immer, oder Courbets „L’Origine du monde“. Die genaue Liste wird am 19. Mai veröffentlicht werden, in der „Nacht der Museen“.

          Raus aus dem Louvre

          Seit längerem spricht Françoise Nyssen davon, Leonardos „Mona Lisa“ in der Louvre-Zweigstelle von Lens zu zeigen. Vor Ostern traf die Kulturministerin dort den Bürgermeister und die Fans des Fußballklubs: Sie hatten im Stadion auf einem Spruchband für Mona Lisa geworben. „Man muss hören, was solche Wünsche bedeuten“, sagte die Ministerin bei der Präsentation ihrer Pläne zu den Journalisten. Eine solche Steilvorlage darf sich die Kulturpolitik nicht entgehen lassen. Macron spielt auch mit dem Gedanken, das Bild zu diplomatischen Zwecken auszuleihen – obwohl sein Zustand ein absolutes Reiseverbot nahelegt.

          Beim Louvre hat man bereits eine Rechnung aufgestellt und zur Abschreckung ins Ministerium geschickt. 90 Prozent seiner Besucher kommen, um die Mona Lisa lächeln zu sehen. Eine dreimonatige Ausleihe nach Lens wird, Transport inbegriffen, mit Kosten beziehungsweise Einnahmeausfällen von 35 Millionen Euro beziffert. Da könnte man doch zumindest den Fußballfans von Lens, die ins Museum wollen, durchaus einen Besuch in Paris zumuten. Die Reise ist nicht weiter als zum Auswärtsspiel ihres Vereins beim FC Paris Saint-Germain.

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