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Kognitiver Kapitalismus : Wie ist Widerstand möglich?

Brachiale Gewalt wird von der Soft Power der digitalen „Seelenökonomien“ wohl nicht befreien. Helfen am Ende Kunst, Ironie und Verstellung? Bild: Kat Menschik

In dem seinem neuen Roman „Der Circle“ entwirft Dave Eggers eine Welt, in der jeder kritische Gedanke sofort aufgekauft und zu Geld gemacht wird. Wie entkommt man diesem System?

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          Schon in seiner analogen Form ist der Kapitalismus jene Form der gesellschaftlichen Organisation, welcher es am effektivsten gelingt, der Kritik ihre Wirkung zu nehmen. Dissens wird toleriert, Opposition in institutionellen Bahnen kanalisiert, und die Tatsache, dass das System nicht einmal dann grundsätzlich in Frage gestellt wird, wenn es grundsätzlich versagt, wird nicht als Unmöglichkeit des Widerstands betrachtet, sondern höchstens als dessen Unfähigkeit. Die Option auf eine alternative Ordnung ist ein wesentliches Element des Bestehenden, vermutlich sogar der Grund für seine Stabilität. Entscheidend sind nicht nur die konstruktiven Effekte des Widerspruchs, sondern auch seine destruktive Potenz: Dass die Bürger ihre Regierung abwählen könnten, wenn sie wollten, das Parlament auflösen und die Verfassung ändern, ist der Grund dafür, dass sie es nicht tun.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In einer digitalen Ökonomie, einer Gesellschaft, die ihre sozialen Aushandlungsprozesse an Automaten delegiert, hat Widerspruch diese Potenz verloren. Er dient nur noch der Verbesserung des Systems, wie die Fehlermeldungen, die die Nutzer den Herstellern von Computerprogrammen schicken. In einer solchen Ökonomie ist Kritik zur Ressource geworden. Wie reibungslos die Abläufe unter diesen Umständen funktionieren, wenn jeder Einspruch nur als technisch zu lösendes Problem betrachtet wird, hat bisher kaum jemand so anschaulich geschildert wie Dave Eggers in „Der Circle“. Als Sachbearbeiterin für Customer Experience sitzt seine Hauptfigur Mae Holland genau im Zentrum der Abteilung, die dafür zuständig ist, was von Kritik noch übrig ist, mit personalisierten Textvorlagen abzuwiegeln.

          Totalitarismus ohne Kritiker

          Aber so glaubwürdig es auch ist, dass in einer Gesellschaft, die sich nur noch um die Optimierung des Selbst und nicht mehr um die Verbesserung des Ganzen kümmert, Einwände am Grundsätzlichen verschwinden, so sehr vermisst man in Eggers’ Roman den Konflikt um die Entwicklung dieses freundlich lächelnden Moraltotalitarismus. Seine Figuren sind schon von Anfang an jene Zombies, zu denen sie der Sozialterror der Transparenzhölle erst machen wird. Es gibt keine gesellschaftliche Debatte, keine analoge Resistance, nicht einmal Apologeten, die sich noch bemühen müssten, die Ängste und Skepsis all jener auszuräumen, die nicht ganz so hemmungslos von den Weltverbesserungsideen von Circle träumen wie die Mitarbeiter von Circle.

          Ein ernstzunehmender Gegner, ein paar Hacker oder Whistleblower, ein paar hadernde Charaktere, vor allem eine Protagonistin, deren Anflüge von Zweifel sich nicht nur aus der sexuellen Anziehungskraft eines mysteriösen Antagonisten speisen, hätten dem Roman nicht nur literarisch gutgetan. Sie wären vor allem notwendig, um zu zeigen, wovon Eggers offenbar überzeugt ist, nämlich wie ohnmächtig die meisten Einwände gegen technische Schreckensszenarien sind - jene zumindest, die selbst oft wie die Standardantworten schlecht gelaunter Schreibmaschinenbenutzer klingen.

          Totalität der symbolischen Ordnung

          Dass man irgendwann doch die Lust verliert an Eggers’ herrlicher Karikatur einer utopiebesoffenen und vom intellektuellen Inzest degenerierten Firmenidylle, das liegt vor allem an der einfältigen Mae. Ihr Enthusiasmus für die neue Kontrollgesellschaft macht den Lesern jede Identifikation schwer. Umso leichter macht sie die Zurückweisung der Macht der Algorithmen über die Persönlichkeit auch jener, die glauben, sich ihr entziehen zu können. Mag sein, dass Mae ihren eigenen Willen irgendwann nicht mehr von all den Kommentaren unterscheiden kann, man weiß nur leider nicht, ob sie je einen hatte. Das arrogante Vertrauen in die Kraft der eigenen Subjektivität aber ist womöglich die fatalste Einstellung, mit der man in den Kampf gegen die drohende Zwangskollektivierung gehen sollte.

          Für die Zweifel, die man bei Mae so sehr vermisst, sind dagegen zwei einsame Antagonisten zuständig, die Eggers gegen Circle antreten lässt, Kalden und Mercer, womit die beiden Positionen einer möglichen Opposition exemplarisch besetzt sind, die innerhalb sowie die außerhalb des Systems. Im Lauf des Buches dürfen sie rührende Plädoyers gegen eine Welt des ewigen Lichts und für das Recht auf Anonymität halten, über deren Wirkung man sich als Leser nie Illusionen macht und die von Mae und ihren nicht weniger gehirngewaschenen Kollegen chronisch als Verschwörungstheorie eingestuft werden. Das tragische Schicksal des rustikalen Mercer, der sein Geld konsequenterweise mit Bastelarbeiten verdient, verdeutlicht immerhin das Grundproblem einer Gesellschaft, in der Menschen mit ihren Daten bezahlen: Es gibt kein Außerhalb des Circle. „Der äußere Circle ist immer noch innerhalb des Circles“, schreibt Eggers.

          Unsinnszufuhr für die digitalen Kanäle

          Das aber ist auch die Situation der Kritik, und so gerne man manchmal den Terror technischer Zumutungen mit der Schrotflinte erledigen würde, eine besonders wirksame Waffe ist das nicht. Wer das Horrorszenario einer transparenten Datengesellschaft ernsthaft verhindern möchte, sollte endlich über Strategien nachdenken, die raffinierter sind als die reflexhaften Verhinderungspraktiken, die auf Erhalt oder Schutz individueller Freiräume abzielen, auf technische Abschottung, Abstinenz und Partizipationsverweigerung. Dem kognitiven Kapitalismus (oder auch Semiokapitalismus), wie ihn der italienische Philosoph Franco „Bifo“ Berardi nennt, geht es nicht um das Ende der Privatsphäre in einem voyeuristischen Sinn: Er interessiert sich nicht für unsere Geheimnisse, er will nur, dass wir keine mehr haben. Er profitiert vom immateriellen Handel mit immateriellen Bedürfnissen. Sich dieser Ökonomie zu verweigern ist kein Widerstand, sondern Kapitulation.

          Dass es nicht einfach ist, Gegenstrategien zu benennen, liegt an der Flexibilität und der Integrationskraft dieser eher weichen Regime, aber mit Sicherheit würde es helfen, sie den Prozessen der digitalen Ökonomie anzupassen. Womit ein solches System nämlich nur schlecht zurechtkommt, sind Störungen, für die es nicht entworfen wurde. Wie auch immer man sie hervorruft, durch Desinformation, Rauschen, Zeichenchaos, durch Spam oder Viren, durch Ironie oder Verstellung: Der Kampf gegen die Herrschaft der Ordnungssysteme ist nur im Sinne einer Unordnung vorstellbar, nicht als Entzug also, sondern als Zufuhr. Es geht nicht darum, die Apparate zu sprengen, sondern die Kategorien, in denen so ein Computerhirn die Welt ordnet (und generiert).

          Auftrag der Kunst

          Man muss die Hoffnung auf so ein unkategorisierbares Leben vielleicht am Ende doch an die Kunst knüpfen, nicht an jene, die Objekte hervorbringt oder politische Botschaften, sondern an jene, die Unverständlichkeiten produziert, Anomalien und Lebensentwürfe, die sich nicht an Effizienz ausrichten.

          Die Kunst, von der auch Nietzsche redet (in der berühmten Vorrede der „Fröhlichen Wissenschaft“), in der er etwas voreilig den Willen zur Wahrheit zur überwundenen Idee erklärt: „Nein, dieser schlechte Geschmack, dieser Wille zur Wahrheit, zur Wahrheit um jeden Preis, dieser Jünglings-Wahnsinn in der Liebe zur Wahrheit - ist uns verleidet: dazu sind wir zu erfahren, zu ernst, zu lustig, zu gebrannt, zu tief . . . Wir glauben nicht mehr daran, dass Wahrheit noch Wahrheit bleibt, wenn man ihr die Schleier abzieht; wir haben genug gelebt, um dies zu glauben.“ Ein Künstler ist, wer sich stattdessen entscheidet, wie die Griechen, „tapfer bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehen zu bleiben, den Schein anzubeten, an Formen, an Töne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben!“. Das ist Eggers’ größtes Versäumnis: dass er solche Strategien, von denen auch die Literatur so viel weiß, nicht einmal ins Spiel bringt. Dass Menschen nicht das tun, was man von ihnen erwartet, dass sie stattdessen Amok laufen, rückwärts leben oder sich über Nacht in einen Käfer verwandeln, könnte schon helfen zu beweisen, dass es die Individualität, die es zu retten gilt, überhaupt noch gibt.

          Wer weiß schon, was übrigbleibt von unserem Selbst, dem schon, wie man bei Foucault lesen kann, durch die „sorgfältige Verwaltung der Körper und die rechnerische Planung des Lebens“ beigebracht wurde, sich an ordentliche Normen zu halten, wenn Algorithmen jetzt auch unsere Emotionen und Imaginationen kalkulieren. Dass sie den Stress der ständigen Kommunikation nicht aushalten, dass sie an der Belastung des unaufhörlichen Austauschs kognitiver Güter zugrunde gehen, auch daran könnte der Kapitalismus der Seelen kollabieren. Die wirtschaftliche Depression hängt mit einer sozialpsychologischen zusammen. „Die neoliberale Ideologie“, schreibt Berardi in seinem grandiosen Buch „The Soul at Work“, „basiert auf der Idee, dass eine Ökonomie als ausgeglichenes System rationaler Erwartungen und rationaler Investitionen gesehen werden kann.“ Wo aber die Seele ausgebeutet wird, als Produktionskraft wie auch als Marktplatz, wird diese Balance zum „katastrophalen Durcheinander“. „Begierde ist Teil des Spiels und hinter dem Vorhang jeder Investition, hinter jedem Akt von Konsum und wirtschaftlichem Austausch spricht das Unbewusste.“

          Dass die Seele sich nicht so einfach kalkulieren lässt, das ist, was „Der Circle“ betrifft, aber vor allem eine gute Nachricht. Am Ende ist die schreckliche Zukunft, von der Eggers erzählt, auch nur eine Hochrechnung unserer heutigen Ängste.

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