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Baskischer Terrorismus : Worte über Taten

Demonstration in Madrid nach terroristischen Attacken von ETA im Januar 2000 Bild: AFP

Halbe Entschuldigungen, halbe Empathie: Zehn Jahre nach dem Ende der ETA kommt es den Opfern auf den Wortlaut an. Für den Terror wird fast um Entschuldigung gebeten, aber eben nur fast.

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          Es geht wieder einmal um Worte: um Bekenntnisse, Ausreden, Appelle. Bezeichnungen haben die Debatten um das Wirken der baskischen Terrororganisation ETA seit ihrer Gründung vor sechzig Jahren begleitet, und auch jetzt, zum zehnten Jahrestag ihres offiziell verkündeten Endes am 20. Oktober 2011, werden Worte gewogen wie Gold. Denn Arnaldo Otegi, Chef der baskisch-nationalistischen Formation EH Bildu, die die politische Agenda des Terrorismus lange unterstützte, hat so etwas Ähnliches wie eine Entschuldigung an die Adresse der Opfer des Terrorismus vorgebracht. „Nichts, was wir sagen, kann den angerichteten Schaden ungeschehen machen“, so Otegi am Montag in San Sebastián. Doch es sei möglich, ihn zu mildern „durch Respekt und Gedenken“. Das Leiden der „Opfer der Gewalt von ETA“ emp­finde man „sehr stark“, und dieses Adverb versteht jeder im spanischen Original: „enormemente“.

          Es war das erste Mal, dass die nationalistische Linke des Baskenlandes spezifisch die ETA-Opfer an­sprach und fast um Verzeihung bat – fast, aber nicht ganz. „Wir wollen ihnen sagen, dass wir ihren Schmerz mitempfinden, und ausdrücken, dass er niemals hätte geschehen dürfen.“ Damit ist das Wort „Verzeihung“ immer noch nicht gefallen, und genauso wenig hat das Umfeld des Nationalismus die mehr als 850 ETA-Morde „verurteilt“. Gewachsen ist allenfalls die Empathie. Entsprechend sehen die einen Fortschritt, andere das, was noch fehlt. Die Europa-Abgeordnete Maite Pagazaurtundúa etwa, Schwester eines ETA-Mordopfers, beklagt gegenüber der Zeitung El País, die Nationalisten übernähmen immer noch nicht die volle Verantwortung für die „totalitäre Verfolgung“, denn die ETA-Verbrechen „waren nicht privat, sondern öffentlich“. Maixabel Lasa dagegen, die Witwe des im Jahr 2000 ermordeten Politikers Juan María Jáuregui, vergleicht den Weg mit einem Marathonlauf und wertet die Worte Otegis als „wichtigen Schritt“.

          Der Kampf um Benennung

          In der Geschichte des baskischen Terrorismus war Sprache immer ein Schauplatz der Auseinandersetzung, von der kruden Revolutionsrhetorik des „bewaffneten Kampfes“ um die Rechte des „baskischen Volkes“ bis zum Euphemismus der sogenannten „Antiterroristischen Befreiungsgruppen“ (GAL), mit denen Politiker der González-Regierung in den Achtzigerjahren die Liquidierung von Terrorverdächtigen bemäntelten. Später sehnte sich das Baskenland nach „Frieden“, als gäbe es in der kleinen Region Kriegsparteien. Und irgendwann sprach alle Welt von dem Heilmittel des „Dialogs“, als hätte es je daran gelegen, dass zu wenig geredet worden wäre. Begriffe machten Politik, dienten als Anker, Ausflucht oder politische Losung. Das Deutsche Fernsehen, um nicht von Terroristen und ihren Mordtaten reden zu müssen, sprach gern von „Separatisten“.

          Der Kampf um Benennungen führt genau in jenes Zwischenreich, in dem Schriftsteller, die Maler der Schattenzonen, sich zu Hause fühlen. Und tatsächlich war es der Baske Fernando Aramburu, Jahrgang 1959, wohnhaft in Hannover, der mit seinem neunten Roman ein Werk schuf, das seit seiner Veröffentlichung 2016 als Bezugspunkt der Gespräche über das Erbe des ETA-Terrorismus gelten kann: „Patria“ wurde allein auf Spanisch mehr als 1,3 Millionen Mal verkauft. Den frühesten kreativen Im­puls, so Aramburu im Gespräch mit der F.A.Z., habe er gespürt, als 1984 ein ermordeter Kommunalpolitiker zu Grabe getragen wurde. Rund dreißig Jahre später machte sich Aramburu daran, durch die Geschichte zweier entzweiter baskischer Familien die schlagende Metapher für den Konflikt selbst zu schaffen: Politik und Privatleben; Reden oder Schweigen; Andeuten oder Auslassen.

          „Genau wie in der deutschen Nachkriegsgeschichte“, so der Autor, werde der Augenblick kommen, „da baskische Jugendliche ihre Eltern fragen: Wer war denn das, der in dieser Straße umgebracht wurde? Und auf welcher Seite standet ihr?“ Dieser Augenblick kommt näher. In gewissem Sinn pirscht sich die ganze spanische Gesellschaft an ihn heran, allein schon durch zeitlichen Ab­stand, durch Filme, Bücher und die Historisierung des Geschehenen, wie sie etwa das neue „Gedenkzentrum für die Opfer des Terrorismus“ in Vitoria betreibt. Fernando Aramburu wusste schon damals, dass es eine gültige Deutung der Terrorjahre geben müsse, Antwort auf die Frage: „Wer schreibt die Geschichte und behält recht?“

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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