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Wiederaufbau in Magdeburg : Freies Spiel der Rekonstruktion

Magdeburg als barockisierende Disneyland-Filiale? Der Entwurf von Duong & Schrader für den Prämonstratenserberg. Bild: Duong & Schrader Architekten

Eine Bürgerinitiative treibt die Planungen für den Wiederaufbau eines Altstadtquartiers voran. Doch es gibt auch Gegner des Projekts.

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          Wenn Wilhelm Polte, der in Magdeburg von allen Willi genannt wird, von der Vorkriegsarchitektur der Stadt erzählt, gerät er ins Schwärmen. Schon als Jugendlichen hätten ihn die Fotografien des alten Magdeburgs umgehauen – die Barockfassaden, die mondänen Stadtpaläste am Breiten Weg und die vielen Kirchen, die die Silhouette der Stadt prägten. Doch die Realität nach dem Zweiten Weltkrieg war eine andere. Von einer der einst größten zusammenhängenden Barockaltstädte Europas war nicht viel übrig geblieben. „Es gab einfach kein Zentrum mehr, das, was eine europäische Stadt ausmacht, fehlte“, sagt der Dreiundachtzigjährige. Was die Bomben des Zweiten Weltkriegs nicht vernichteten, wurde durch sozialistische Stadtumbaumaßnahmen zerstört. Magdeburg sollte ein Hochhaus im Zuckerbäckerstil bekommen, angelehnt an die „Sieben Schwestern“ in Moskau, außerdem breite Alleen und großflächige Aufmarschplätze. „Die Innenstadt wurde dabei zu achtzig Prozent zerstört und hat damit einen beträchtlichen Teil ihrer Identität und Seele verloren“, sagt Polte.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Momentan beschäftigt sich der Sozialdemokrat, von 1989 bis 2001 Oberbürgermeister der Stadt, mit einer unscheinbaren Grünfläche im Stadtzentrum, die einen traditionsreichen Namen trägt: Prämonstratenserberg. Im Schatten des Klosters Unser Lieben Frauen und zwischen der Elbe und Plattenbauten gelegen, spürt man wenig davon, dass hier vor hundert Jahren in einem dicht besiedelten Innenstadtviertel Menschen lebten, arbeiteten und Handel trieben. Der Prämonstratenserberg wurde in der DDR als Baufläche freigehalten und ist eine Brache geblieben. Polte will das gemeinsam mit ehemaligen Beamten und Politikern der Stadt ändern. Die Gruppe hat einen umfassenden Plan zur Rekonstruktion der Altstadt auf dem zweihundert mal hundertfünfzig Meter großen Areal vorgelegt. Zu diesem Zweck wurde eine Liste der architektonischen Denkmäler der Altstadt, zu denen im Stadtarchiv Aufzeichnungen und Fotografien vorliegen, erstellt.

          „Optisch ansprechend rekonstruieren“

          Noch ist die Sicht von den angrenzenden elfgeschossigen Plattenbauten auf die Elbe frei. Doch geht es nach dem Plan, sollen hier fünf Fassaden von Alt-Magdeburg in zwei Straßenblöcken wiederauferstehen, unter anderem jene des Geburtshauses des Physikers Otto von Guericke und des barocken Hauses des heiligen Georgi; sie alle standen vor dem Krieg an anderen Stellen in der Stadt.

          Der Alte Markt in Magdeburg vor dem Zweiten Weltkrieg: Stadtpaläste, Prachtfassaden, Kirchturmspitzen.
          Der Alte Markt in Magdeburg vor dem Zweiten Weltkrieg: Stadtpaläste, Prachtfassaden, Kirchturmspitzen. : Bild: picture-alliance

          Die Chancen, dass auf dem Areal nun etwas passiere, sei hoch, sagt Peter Lackner, Direktor der städtischen Wohnungsgesellschaft Wobau, die in Magdeburg mehr als 20.000 Wohneinheiten besitzt. Sie ist auch Eigentümerin des Grundstücks. Die Finanzlage der Kommune und der Wobau sei gut, sagt Lackner. Zudem hat sich das private Immobilienunternehmen Upwind aus der Schweiz dazu bereit erklärt, das angrenzende Grundstück in die Pläne einzubringen. Auf dieser Grundlage hat der Stadtrat Mitte Juli einen Grundsatzbeschluss zur Bebauung des Areals gefasst. Umwelt- und Bauausschuss haben der Idee zugestimmt.

          Erste Entwürfe sehen neben der Schaffung von Wohnraum auch gewerbliche Nutzungen vor. Das Architekturbüro Duong & Schrader hat eine Visualisierung des Projektes erstellt. Für das kleine Quartier sehen die Planer bis zu zweiundzwanzig Meter hohe Häuser als Blockrandbebauung vor. Neben den Rekonstruktionen sollen moderne, an die lokalen Bautraditionen angepasste Gebäudestrukturen entstehen. „Wir wollen optisch ansprechend rekonstruieren und die Gebäude mit den historischen Fassaden wiederherstellen“, sagt Lackner.

          Gesichtslose Einkaufszentren

          Polte, der auf einen baldigen Baubeginn hofft, hat Erfahrungen mit Rekon­struktionen. Seit der Wiedervereinigung hat er sich mit etlichen Bürgerinitiativen für den Wiederaufbau von bedeutenden Einzeldenkmälern in der Innenstadt eingesetzt. Unter anderem ist es ihm zu verdanken, dass die gotische St.-Johannis-Kirche in der Innenstadt wieder aufgebaut wurde. Schon 1989 hatte er einen Brief an die Magdeburger Volksstimme verfasst, in dem er sich für eine Rekon­struktion der Altstadt und der stadtbildprägenden Dominanten aussprach. Viele der Ideen konnten in seiner Amtszeit verwirklicht werden, doch eine großflächige Rekonstruktion blieb aufgrund unsicherer Besitzansprüche und fehlender finanzieller Mittel der Stadt aus. Stattdessen wurde zunächst vor allem Investorenarchitektur realisiert, im Stadtzentrum entstanden neue gesichtslose Einkaufszentren und Geschäftsgebäude. Polte betrachtet das als Fehler. „Die Identifikation der Bürger einer Stadt wird durch das Zentrum bestimmt“, sagt Polte.

          Von einer der einst größten zusammenhängenden Barockaltstädte Europas war nicht viel übrig geblieben: Die Johanniskirche 1952 nach der Beseitigung der Trümmer.
          Von einer der einst größten zusammenhängenden Barockaltstädte Europas war nicht viel übrig geblieben: Die Johanniskirche 1952 nach der Beseitigung der Trümmer. : Bild: picture-alliance

          Immer wieder gab es auch Initiativen für die übrig gebliebene Fläche. Die Wobau wollte noch vor drei Jahren ein Hochhaus auf dem Prämonstratenserberg errichten und hatte dafür einen Gestaltungswettbewerb initiiert. Der Plan wurde den Bürgern und dem Stadtrat vorgestellt, doch sowohl die Stadtgesellschaft als auch das Gremium lehnten die Entwürfe ab. „Wir sind jetzt an einem anderen Punkt“, sagt Polte, „die Mittel sind da. Es muss was passieren.“

          Vorwurf der Kulissenarchitektur

          Doch auch die aktuellen Pläne werden im Stadtrat kontrovers diskutiert. Ein Änderungsantrag der Grünen-Fraktion forderte als Ausgleich für die Bebauung der Grünfläche Fassadenbegrünungen an anderer Stelle. Schärfere Kritik kommt aus Teilen der Bürgerschaft. Vor einigen Wochen hat eine Initiative eine Petition eingereicht, in der eine direktere Beteiligung an der Planung gefordert wird. Das Vorhaben sei „eine katastrophale Entscheidung für den Klimaschutz“ heißt es in dem Kommuniqué zur Petition. Die Initiative will das Grundstück als Grünfläche beibehalten.

          Polte ist verärgert über diese Kritik. „Magdeburg ist eine der wenigen deutschen Großstädte, wo Verdichtung möglich ist. Wir haben eine der höchsten Grünflächenquoten pro Einwohner in Europa“, sagt er. Mit der erzielten Einigung ist er zufrieden. „Der Stadtrat hat in seinem Grundsatzbeschluss eine zen­trale Entscheidung für die Magdeburger Altstadt getroffen. Die Bauherren werden nun unter Einbezug von Gutachtern, Historikern und der Bevölkerung einen Bebauungsplan ausarbeiten.“

          Was folgte, waren erst sowjetischer Zuckerbäckerstil und Platte, nach der Wende gesichtslose Investorenarchitektur voller Einkaufszentren.
          Was folgte, waren erst sowjetischer Zuckerbäckerstil und Platte, nach der Wende gesichtslose Investorenarchitektur voller Einkaufszentren. : Bild: picture-alliance

          Andere Kritiker wie der Kunsthistoriker Damian Kaufmann zielen auf die Architektur. Sie bezeichnen den Vorschlag Poltes und seiner Gruppe als „Kulissenarchitektur“ und „Disneyland“, da weder auf die historische Wegeführung noch auf die tatsächliche Bebauung des Stadtviertels vor dem Krieg eingegangen werden solle. Damit haben sie einen Punkt: Nicht nur sollen die Rekonstruktionen an neuem Ort entstehen. Ungeklärt ist zudem, ob nur die Fassaden wieder aufgebaut werden sollen oder die vollständigen Gebäudestrukturen.

          Zumindest hinsichtlich des Stadtgrundrisses unterscheidet sich der Plan von Poltes Vorbildern Dresden und Frankfurt, auf die der ehemalige Bürgermeister immer wieder verweist. Sowohl am Dresdner Neumarkt als auch in der Frankfurter Altstadt wurde, soweit möglich, auf die Wiederherstellung der historischen Straßenführung und der Vorkriegsparzellierung geachtet. Was die Rekonstruktion angeht, wurde sie in Frankfurt im Fall von einigen besonders bedeutenden Fachwerkhäusern auch hinter den Fassaden so weit getrieben, wie es die heutigen Baugesetze zulassen.

          Wer beherrscht noch die barocken Techniken?

          Im aktuellen Diskurs um Rekon­struktionen ist der Magdeburger Plan sowohl architekturhistorisch als auch denkmalpflegerisch pro­blematisch. Die Visualisierung zeigt eine Insellösung für das Viertel, ohne Übergänge zur Umgebung, die aus Plattenbauhochhäusern aus den Achtzigerjahren besteht. Das Bild, das sich so ergibt, erinnert eher an das Berliner Nikolaiviertel als an das hohe Niveau, das andernorts in Sachen Altstadtreparatur erreicht worden ist. Anlass zu Sorge gibt auch die zu erwartende Bauqualität der barocken Rekonstruktionen, da es in der Region an Handwerkern mangelt, die die traditionellen Techniken beherrschen. Das gilt umso mehr, als manche Fassadendetails nicht überliefert sind.

          Unscheinbare Grünfläche mit Potential: Blick auf das Kloster „Unser Lieben Frauen“ und die Johanniskirche am Hochufer der Elbe.
          Unscheinbare Grünfläche mit Potential: Blick auf das Kloster „Unser Lieben Frauen“ und die Johanniskirche am Hochufer der Elbe. : Bild: picture-alliance

          Die bauhistorisch argumentierenden Kritiker des Projekts loben den 2017 veröffentlichten Entwurf des Architekten Pakertharan Jeyabalan, der eine umfassende Verdichtung der Magdeburger Innenstadt über den Prämonstratenserberg hinaus vorsieht. Der kühne Entwurf plädiert dafür, die gesamte Altstadt mit der einst üblichen Blockrandbebauung nachzuverdichten und sich dabei möglichst an die historische Parzellierung zu halten. Die so entstehende kleinteilige Bebauung mit originalgetreuen Rekonstruktionen, wiederhergestellten Stadtplätzen und Innenhöfen soll die Quartiere zu einer geschlossenen Innenstadt verbinden. Der Plan wurde von der Stadt wohlwollend aufgenommen, aber aufgrund seiner Größe als unrealisierbar verworfen.

          Sowohl Polte als auch Lackner wollen auf die Kritiker zugehen. Beide sind froh, dass die Debatte an Fahrt aufgenommen hat. „Jetzt ist die Altstadt wieder auf der Agenda und im Bewusstsein der Bürger“, sagt Polte. Es gehe ihm vor allem darum, eine Diskussion in der Öffentlichkeit anzustoßen, in der die Bürger über ihr Stadtzentrum reflektieren. Auch Lackner spricht sich für ein Mediationsverfahren und eine Diskussion über die Rekonstruktionsidee ähnlich jener in Dresden aus. Beide sind optimistisch. „Das wird der Lückenschluss zwischen dem gotischen Dom, dem Rathaus, zwischen dem geistlichen und weltlichen Zentrum, zwischen den beiden Identifikationspunkten der Stadt. Magdeburg wird wiederauferstehen.“ Drei bis vier Jahre Entwicklungszeit seien eingeplant. Dann soll der erste Spatenstich gesetzt werden. Im nächsten Monat sollen die Baufelduntersuchungen beginnen.

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