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Wiederentdeckt: Maler Kirner : Eine Welt aus hundert Skizzen

Johann Baptist Kirner, ein süddeutscher Maler des neunzehnten Jahrhunderts, ist den wenigsten ein Begriff. Eine Doppelausstellung in Freiburg könnte das ändern.

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          Zwei alte Leute sitzen über Eck auf einer Bank, die um einen einfachen Kachelofen führt. Die Frau, im Vordergrund und einigermaßen im Licht, näht, der Mann trägt eine Schürze, stemmt sich aber mit den Fäusten auf die Bank und schaut skeptisch aus dem Bild heraus. Während seine Frau sich darein fügt, gemalt zu werden, steht in seinem Gesicht die Frage, was das denn alles soll und ob da nicht einer Ölfarben und Leinwand verschwendet. Er könnte ihn das fragen, schließlich ist der Maler Johann Baptist Kirner sein Sohn, das jüngste von sieben Kindern des Schusters aus Furtwangen im Schwarzwald und seiner Frau. Schon der zwölf Jahre ältere Bruder Lukas war Maler geworden, und seine Ausbildung an der Königlichen Höheren Kunstschule in Augsburg hatte die Verhältnisse des kinderreichen Schusters eigentlich überfordert. Als dann der 1806 geborene Johann Baptist nach einer Lehre als Kutschenmaler und Lackierer 1822 ebenfalls in Augsburg Malerei studieren wollte, so schreibt er in einem Bittgesuch an den badischen Großherzog, sagen die Eltern erst nein, „aus großer Besorgniß, sie können aus eigenen Mitteln meine Ausbildung nicht bestreiten. Doch gaben sie meinem Wunsche nach und unterstützten mich doch zwey Jahre“ in Augsburg und ein weiteres Jahr in München: „Dadurch habe ich nun meine Eltern erschöpft“.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Dass die Eltern in ihrem jüngsten Kind tatsächlich ein großes Talent unterstützten, belegt das Bild, das sie in ihrer Stube zeigt. Gespenstisch aber ist dessen Entstehungsdatum 1864. Die Eltern waren damals schon fast dreißig Jahre tot, auch der Bruder Lukas lebte nicht mehr. Der skeptische Blick des Vaters trifft den malenden Sohn über die Grenze des Grabes hinweg. Dass Kirner nach langen, unstet verbrachten Jahre 1839 zum – anfangs nicht besoldeten – badischen Hofmaler ernannt worden war, hatten die Eltern nicht mehr erlebt.

          Gleich zwei Ausstellungen im Freiburger Augustinermuseum treten an, dem nach seinem Tod im Jahr 1866 gründlich vergessenen Maler wieder eine Bühne zu bereiten. Dass das Ergebnis so großzügig ausfällt, ist nicht nur den beiden korrespondierenden Schauplätzen geschuldet, die neben den abgeschlossenen Werken auch zahlreiche Entwürfe, Kopien und Adaptionen präsentiert, sondern zuallererst einer Erwerbung von annähernd 700 Blättern mit Vorstufen, die einen einzigartigen Blick auf die Arbeitsweise des Künstlers ermöglichen.

          Umfangreiche Vorstudien für ein einziges Bild

          Exemplarisch geschieht das anhand des Gemäldes „Eine Jagdpartie im Großherzoglichen Wildpark bei Karlsruhe, 1842“. Das großformatige Bild zeigt, dem Titel entsprechend, eine Gruppe von Männern, die sich um einen Eber, einen Fuchs und ein paar Hasen versammelt, die eben erlegt worden sind. Die Ausstellung aber zeigt mehr: Flankiert wird das Bild auf beiden Seiten von einer Vielzahl von Entwürfen in unterschiedlichen Stadien der Vervollkommnung, die einzelnen Teilnehmer der Gesellschaft ebenso wie Kompositionsentwürfe zum Bild, gezeichnet, koloriert, in Stift- und Ölfarben, am prächtigsten von allen der Eber, der flach ausgebreitet liegt und dessen sorgfältig gemaltes Fell auf wunderbare Weise das kaum vergangene Leben und den beginnenden Verfall zugleich ausstrahlt.

          Ein Zug wird kommen: Kirners dynamischer Entwurf für ein Eisenbahnbild entstand vor 1858. Bilderstrecke
          Johann Baptist Kirner : Kirners Bilder

          Kirner war mit Franz Xaver Winterhalter befreundet, dem Erfolgsmaler gekrönter Häupter, dem vor sechs Jahren an gleicher Stelle eine schöne Ausstellung gewidmet worden ist. Beide Maler lebten zeitweilig in Italien zusammen, und wie sehr Kirners Entwicklung von dem Erlebnis südlich der Alpen profitierte, sieht man seinen Bildern an. Auch aus dieser Zeit haben sich Skizzen erhalten, die in ihrer Schönheit oft den fertigen Bildern zur Seite stehen können, weil Kirner – etwa in einem hinreißenden Entwurf zu „Junge Italienerin mit Schildkröte“ von 1834 – alle Niedlichkeit dem sezierenden, um Genauigkeit bemühten Blick weicht. So sind die Skizzen zu dem Bild „Hirten- und Straßenjunge“ von 1844 erheblich radikaler, wenn es um den Schmerz des Knaben geht, der sich gerade verletzt hat, und einen Mut zur Hässlichkeit beweist Kirner in den Studien viel eher als in den fertigen Arbeiten. Am beeindruckendsten aber ist jener Bereich im „Haus der Graphischen Sammlung im Augustinermuseum“, dem zweiten Ort der Ausstellung, in dem die verschiedenen Entwürfe zum 1858 gemalten Bild einer einfahrenden Eisenbahn versammelt sind. Kirner, so glaubt man, kann alles, probiert alles aus, bringt eine völlig eigenständige, aufregend dynamische Federzeichnung des Sujets ebenso zustande wie eine vollendet ruhige Ölskizze. Und so wie es überfällig ist, Kirners Modernität in seinen Entwürfen anzuerkennen, so zeigt der Blick auf sein Werk eben auch, wie die Erwartungen des Publikums einen Maler dazu bringen können, ästhetisch wieder einen Schritt zurückzu treten, wenn es ums fertige Bild geht.

          Johann Baptist Kirner. Erzähltes Leben. Augustinermuseum Freiburg; bis 27. März.Der Blick des Zeichners. Haus der Graphischen Sammlung; bis 30 Januar. Der gemeinsame Katalog kostet 34,95 Euro.

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