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Proteste der Presse : Wie Frankreichs Post die Zeitungen fallen lässt

  • -Aktualisiert am

Seltenes Bild in Frankreich: Nur noch jede zehnte Poststelle ist geöffnet. Bild: EPA

Pfleger und Ärzte arbeiten rund um die Uhr. Französische Postbeamte verweigern hingegen den Dienst und tragen keine Sendungen aus. Zeitungsverleger fühlen sich im Stich gelassen.

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          Die tägliche Sportzeitung „L’Équipe“ hat angesichts der abgesagten Großereignisse am schnellsten reagiert. Seit in Frankreich der Ausnahmezustand herrscht, veröffentlicht sie das Formular, das man beim Verlassen der Wohnung mit sich tragen muss: zum Ausschneiden und Ausfüllen für all jene, die sich dem Online-Zeitalter verweigern. Auch „Charlie Hebdo“ will – anders als nach den Attentaten – in den Verkaufsstellen bleiben. Seinen Widerstand gegen die Digitalisierung hat hingegen „Le Canard enchaîné“ aufgeben müssen: Die satirische Wochenzeitung ist erstmals auch online erschienen.

          Alle Redaktionen der Qualitätspresse freuen sich über das Wachstum der Zugriffe im Internet. Aber ihr Geschäftsmodell ist nach wie vor vom Verkauf der gedruckten Zeitung abhängig. Und das gilt jetzt noch viel mehr. Wenige Tage nach Beginn des Ausnahmezustands veröffentlichte der Verband der Zeitungsverleger einen Brief an die Druckereien, in dem er für die Aufrechterhaltung des Betriebs dankte. Auch die Regierung hatte sich zur Notwendigkeit der landesweiten Versorgung mit gedruckten Informationen bekannt – auch, weil sie gegen die Fake-News-Epidemien weitgehend immun sind.

          Im Gegensatz zu den Buchhandlungen dürfen Kioske geöffnet bleiben. Viele sind es nur noch stundenweise; am Morgen. Andere haben geschlossen (in Paris jeder dritte). Auf dem Land kann man das Lokalblatt allenfalls beim Bäcker kaufen. Aber vielerorts ist die Grundversorgung nicht mehr gewährleistet. Seit dem Zweiten Weltkrieg war es in weiten Teilen nie mehr so schwierig, an Zeitungen und Magazine zu kommen. Es trifft auch die treuesten Leser: die Älteren, die vor allem zu Hause bleiben sollen.

          Nur – der Briefträger kommt nicht mehr. Bei uns an der Grenze zur Schweiz war er in zweieinhalb Wochen einmal da. Mit einer ganzseitigen gemeinsamen Anzeige haben die Zeitungen gegen den Vertragsbruch protestiert: „Die Post lässt uns fallen“. Der „Figaro“ wirft ihr in einem Leitartikel „Fahnenflucht“ vor: „Die Desertion der Post“. Nur noch jede zehnte Poststelle in Frankreich ist geöffnet – bei den Bankfilialen sind es dagegen 75 Prozent.

          Krankenschwestern, Ärzte und Polizisten arbeiten rund um die Uhr und riskieren ihre Gesundheit. Die Postbeamten verraten den öffentlichen Dienst und wollen Briefe, Pakete, Zeitungen weder sortieren noch austragen. Als „gewaltigen Humbug“ bezeichnet der frühere Geschäftsführer von „France Soir“ und „Figaro“, Philippe Villin, der heute als Banker tätig ist, die Erklärungen des obersten Post-Chefs Philippe Wahl. Von jetzt an, verspricht der Staatsbetrieb eines Landes im „Krieg“ (Macron), werde die Post nur noch dreimal wöchentlich verteilt – und zwar an drei aufeinanderfolgenden Tagen: mittwochs, donnerstags und freitags. „L’Équipe“ hingegen will ihre Leser nicht im Stich lassen. Vom kommenden Montag an wird der Verkaufspreis auf einen Euro gesenkt.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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