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Präsidentschaftskandidat : Wie die Franzosen Emmanuel Macron verfielen

Emmanuel Macron und seine Frau Brigitte Trogneux begeistern die Franzosen. Bild: AFP

Frankreich sehnt sich nach einer heilen Welt und hat ihre Protagonisten in Emmanuel Macron und dessen Frau gefunden. Das Volk liebt dieses Paar – gerade wegen seines ungewöhnlichen Altersabstandes.

          Es sind harte Zeiten für die ohnehin vom vergangenen Jahr arg gebeutelten Meinungsforschungsinstitute. Es ist noch nicht so lange her, da erklärten sie, Europa stecke in einer Krise und überall würden bald europafeindliche Politiker die Wahlen gewinnen – und plötzlich tauchte in Deutschland der bekennende Europapolitiker Martin Schulz als SPD-Spitzenkandidat auf und bescherte der zuletzt scheintot wirkenden SPD einen dermaßen hohen Umfragenzuwachs, dass sogar Horst Seehofer sich bemühte, den politischen Scherbenhaufen zwischen CDU und CSU wieder zu etwas zusammenzukleben, das wie eine gemeinsame Wahlurne aussah. Und während man Seehofer mit einem sehr zusammengebissenen Lächeln neben Merkel stehen und dabei recht eigenartige Bewegungen mit den Beinen machen sah, ganz so, als wollte er das Thema „Obergrenze“ unauffällig mit dem Fuß unters Sofa schieben, zeigte sich auch in Frankreich, dass, entgegen allen Analysen, ein leidenschaftliches Bekenntnis zu Europa kein Hinderungsgrund sein muss, an die Spitze der Wahlumfragen zu kommen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Was ist passiert?

          Der parteilose Emmanuel Macron, geboren 1977 im nordfranzösischen Amiens, ehemaliger Wirtschaftsminister unter Hollande, gilt plötzlich als aussichtsreichster Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen; bei der Stichwahl am 7. Mai würde er, wenn die Umfrageinstitute nicht auch hier wieder völlig danebenliegen, die rechtsextreme Marine Le Pen schlagen.

          Das ist umso erstaunlicher, als Emmanuel Macron alle Voraussetzungen mitbringt, die man braucht, um sehr unbeliebt zu sein. Er durchlief das verhasste französische Kadersystem, machte am Pariser Elitegymnasium Henri IV Abitur und arbeitete als Investmentbanker, bevor er auf einigen Umwegen Wirtschaftsminister unter François Hollande wurde, dem unbeliebtesten aller französischen Präsidenten, in dessen Kabinett er Steuererleichterungen für Unternehmen in Höhe von dreißig bis vierzig Milliarden Euro durchsetzte, um die französische Wirtschaft wiederzubeleben, den Mindestlohn und die 35-Stunden-Woche aber unangetastet ließ. Ob Macron „neoliberal“ sei, fragt trotzdem der Journalist Marc Endeweld in einem Buch mit dem Titel „Der zwiespältige Herr Macron“.

          Im Zeitalter der Unvorhersehbarkeit

          Wie Amerika ist auch Frankreich ins Zeitalter der absoluten politischen Unvorhersehbarkeit eingetreten. Lange hatte es so ausgesehen, als ob die Gaullisten den allseits wie einen Großvater der Nation verehrten ehemaligen Bürgermeister von Bordeaux, Alain Juppé, nominieren würden. Dann machten die Gaullisten den gleichen Fehler, der der SPD einst Scharping und den amerikanischen Republikanern Trump bescherte: Sie ließen nicht die Parteigremien, sondern die Basis über den Spitzenkandidaten entscheiden.

          So wählten die Franzosen, um etwas Neues zu versuchen und genau das nicht zu tun, was man ihnen über sie selbst vorhergesagt hatte, bei den Vorwahlen nicht Juppé, sondern den ehemaligen Premierminister François Fillon, der sich in einigen Fernsehshows als wirtschaftsliberaler Vernunftmensch, guter Katholik und netter Familienvater inszenierte.

          Fillon hat nie Affären, er liebt seine Frau Penelope – allerdings so sehr, dass er ihr, wie kurz nach seiner Nominierung herauskam, die Taschen mit Steuergeldern nur so vollgehauen hat –, als „parlamentarischer Mitarbeiterin“ soll er ihr in fünfzehn Jahren rund 830.000 Euro überwiesen lassen haben, wobei ein Beweis für irgendeine Tätigkeit sich nirgendwo finden ließ. Fillon sank in den Umfragen daraufhin auf den dritten Platz hinter Macron.

          Ein Paar und seine Geschichte

          Man kann aber auch Macrons unglaublichen Erfolg, die frenetische Liebe, die ihm von jungen Wählern zufliegt, die Begeisterungsstürme, wenn er „Liberté, Égalité, Fraternité“ in die übervollen Säle ruft, als hätte er sich diesen Slogan gerade erst ausgedacht, als französische Version von „Yes, we can!“, nicht allein auf sein sympathisch-vernünftiges, dezidiert pro-europäisches, pragmatisch-sozialliberales Programm zurückführen, sondern auch auf einen Wahlkampf, der Macron und seine Frau als untrennbare Einheit, sozusagen als präsidiablen Vierbeiner mit zwei Köpfen präsentiert. Arnaud Montebourg, Macrons Vorgänger im Amt, bemerkte giftig, Macron habe es bereits auf 65 Zeitungstitel geschafft, ohne überhaupt ein Programm zu haben – und zwar vor allem wegen seiner Frau Brigitte Trogneux, die 24 Jahre älter ist als er und seine Latein- und Französischlehrerin in der Schule war.

          Die Franzosen lieben dieses Paar und seine Geschichte.

          Wäre Macron zum Beispiel mit der 32-jährigen Anwältin Tiphaine Auzière liiert, würde er viel eher wie ein junger, überehrgeiziger Streber wirken. Aber Tiphaine ist nicht seine Frau, sondern seine Stieftochter; sie ist das Kind von Brigitte Trogneux.

          Auch Macron rückt seine Frau direkt ins Rampenlicht seiner politischen Selbstdarstellung. Sie ist überall präsent; auch in seinem Wahlkampfbuch, das „Révolution“ heißt, schreibt er über Brigitte, die ihm beibrachte, „sich keinen Konventionen anzupassen“.

          Die sympathische Freundin von Jane Fonda

          Es wurde immer wieder geschrieben, dass vor allem die Wählerinnen Macron schon dafür mögen, dass er Frauen gegenüber ausnahmsweise kein trophäensammlerhaftes (Sarkozy), wurstig-unwürdiges (Hollande) oder pathologisches (Strauss-Kahn) Verhalten an den Tag legt; und dass man ausnahmsweise einmal ein Polit-Paar zu sehen bekommt, das den gleichen erheblichen Altersunterschied aufweist, der auch Melania von Donald Trump trennt – nur dass im Fall Macron eben mal der Mann der Jüngere ist.

          Aber diese Analyse ist zu einfach. Denn Brigitte Trogneux ist nicht einfach nur deutlich älter – sie steht für ein bestimmtes Frankreich, das Macron nicht verkörpern kann.

          Trogneux sieht aus wie eine sympathische Freundin von Jane Fonda und strahlt eine Lebensfreude aus, als hätte sie die letzten vier Jahrzehnte in Saint-Tropez gelebt und gefeiert.

          Sie gehört zu der Generation, die den Feminismus der siebziger Jahre erlebt hat, sie ist politisch, sie hat drei Kinder und ihren Beruf vereint, und wenn sie mit Macron auftritt, dann strahlt sie eine Mischung aus Zuversicht, Lebensfreude und -erfahrung aus, die man in den Zügen des immer wie aus dem Ei herausgepellt wirkenden Macron nicht findet. Sie wirkt auf allen Bildern wie eine Verkörperung jenes aufbruchsfreudigen, modernen und zuversichtlichen Frankreichs, das sie in ihrer Jugend in den sechziger und siebziger Jahren erlebte.

          Es waren ja zwei Modernisierungsschübe, die Frankreich seit Gründung der fünften Republik im Jahr 1958 vorangebracht haben – einmal der technologisch-infrastrukturelle unter den Präsidenten de Gaulle und Pompidou, einmal der soziokulturelle nach 1981, als der Sozialist François Mitterrand Präsident wurde.

          Die akzelerationistische Schönheit der Moderne

          Frankreich befand sich nach dem Verlust der Kolonien, die zu einem enormen Zustrom von sowohl Kolonialfranzosen als auch Algeriern und Marokkanern ins Kernland führte, in einem seltsamen Zustand zwischen Depression (wegen des globalen Bedeutungsverlusts) und Euphorie (wegen der wachsenden Binnennachfrage). In diesen Jahrzehnten wurde der TGV erfunden, Robert Opron und Paco Rabanne entwarfen mit Pailettenkleidern und Turbo-Citroëns Frankreichs Ästhetik fürs Mondzeitalter, in der Architektur entstanden, als Gegenentwurf zu den Wohnsilos der Bidonvilles, revolutionäre neue Massenwohnformen wie Renée Gailhoustets Terrassenhäuser, in der Philosophie prägten Derrida und Foucault, Julia Kristeva, Deleuze und Guattari das neue Denken – und das Centre Pompidou stand wie ein künstliches Organ, wie der Herzschrittmacher des neuen Frankreichs, dessen Zuversicht so verschiedene Welten wie das Denken und das Design, die Politik und die Produkte, das Sinnliche und das Intellektuelle verband, mitten in Paris.

          Die akzelerationistische Schönheit dieser Moderne, die eine Zukunft mit Hochgeschwindigkeitszügen und aufregende Mode und Turbos und Abitur und offene Türen für alle versprach, also eine radikale Demokratisierung vormals elitärer Genüsse, war ein spätes Erbe des Utopikers Charles Fourier, der Anfang des 19. Jahrhunderts berühmt wurde mit seinem Vorschlag, die Arbeiterklasse nicht in trübseligen kleinen Häuschen unterzubringen, wie es in Deutschland und England geschah, sondern in einem Nachbau des Schlosses von Versailles – in dem zwischen 1500 und 5000 Arbeiter so wild und sorgenfrei leben sollten, wie es früher nur der Adel konnte: Müßiggang und Orgien für alle, dazu Kinderbetreuung und Gemeinschaftsrestaurants und Waschküchen, damit die Frauen arbeiten gehen könnten, statt den Haushalt zu machen, und eine große Halle mit einem Dschungel, in dem immer Sommer wäre.

          Spätestens nach Mitterrand wichen die expansiven Träume dieser französischen Moderne einer Konzentration auf Besitzstandswahrung, Abschottung, Sicherheit und Komfort.

          Reguliert bis zur Depression

          Die Überregulierung des Landes bildet sich heute bis in die kleinsten Details des Alltags ab. Die Lebendigkeit einer Stadt wie Paris war auf ständige leichte Regelübertretungen gegründet; Lieferanten hielten in zweiter Reihe, die Pariser parkten kreuz und quer, manchmal blockierten Menschenansammlungen die engen Straßen, Leute rauchten in Bars und tranken auf der Straße. Mittlerweile werden die Überwachungskameras auf den großen Boulevards, die zur Terrorprävention installiert wurden, dazu genutzt, um automatisch Fotos der falsch parkenden Autos zu machen, Strafzettel werden automatisch zugestellt, und auf den Autobahnen werden, wie zur öffentlichen Beschämung, die Kennzeichen der zu schnellen Wagen auf große Tafeln projiziert. Die Botschaft an die Bürger ist: Wir sehen euch überall, nichts kann getan werden, ohne dass der Staat es kommentieren und sanktionieren wird, jede Demonstration wird gefilmt, jede Handlung in einer Metro aufgezeichnet und ausgewertet.

          Dass all dies zu dem führt, was in der Psychologie eine „depressive Handlungshemmung“ genannt wird, ist nicht verwunderlich. Dass diese kollektive Handlungshemmung zuletzt fast alle Parteien in einen Zustand versetzt hatte, in dem sie nur noch auf das reagierten, was Marine Le Pen vorgab, war bedrohlich.

          Macron spricht in seinem Buch – statt nur gegen Le Pen zu reden – so von den Werten, für die Frankreich steht, dass sogar die Frage der Geflüchteten nicht mehr wie ein Horrorszenario, sondern wie eine Chance klingt – und Nationalstolz wie Gastgeberstolz.

          Vor allem junge Wähler begegnen dem parteilosen Emmanuel Macron derzeit mit unfassbarer Begeisterung

          Ausgerechnet dem Ex-Banker Macron ist es gelungen, Begriffe wie Liberalisierung und Deregulierung, womit zuletzt ja vor allem Erleichterungen für den Finanzsektor gemeint waren, zu einem Versprechen für eine Gesellschaft zu machen, die nicht kontrolliert und pädagogisch gegängelt werden muss.

          Erinnerungen an die Zukunft

          Die Modernität von Frankreich: Das war einerseits die (eher gaullistische) Begeisterung für Hochgeschwindigkeitszüge, schnelle Citroëns und eine frühe, geniale Vorform des Internets, das sogenannte „Minitel“, das Präsident Valéry Giscard d’Estaing in den siebziger Jahren hatte entwickeln lassen und das 1982 in Betrieb ging und Millionen von Franzosen Zugriff auf elektronische Informationsdienste gab. Und das waren andererseits die Demokratisierung von Bildung und Wohnen, der experimentelle Wohnungsbau, das Abitur für alle, die Förderung der Populärkultur durch die Sozialisten. Und vielleicht liegt ein Grund des Erfolgs von Macron auch darin, dass er, quer zu den Parteiengrenzen stehend, für die Neuauflage von beidem, für eine neue technologische und eine neue soziale Euphorie steht. Man kann, wenn man Macrons Buch „Revolution“ liest, einiges ziemlich floskelhaft finden; und den Vorschlag, die französische Jugend durch die Erleichterung von Start-up-Gründungen zu retten, für eine sinnvolle, aber vergleichsweise unrevolutionäre Maßnahme halten.

          Aber wenn Macron mit seiner Frau auftritt, dann wirken beide so wie eine sehr eindringliche Erinnerung an ein Frankreich, das zuversichtlich und offen und anarchisch und großzügig war. Ob das reicht, um die Wahl zu gewinnen, wird man sehen. Im Norden werden laut Umfragen bis zu 38 Prozent der Arbeiter und der Arbeitslosen Marine Le Pen wählen. Aber wie zuverlässig Umfragen sind, hat man ja im vergangenen Jahr erlebt. Und man hätte vor einem halben Jahr ja noch nicht einmal mehr gedacht, dass jemand, der sich bei seinen letzten Auftritten freiwillig in einen Kreis aus gelben Europasternen stellt, die Leute zu solchen Begeisterungsstürmen verleiten kann.

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