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Präsidentschaftskandidat : Wie die Franzosen Emmanuel Macron verfielen

Fillon hat nie Affären, er liebt seine Frau Penelope – allerdings so sehr, dass er ihr, wie kurz nach seiner Nominierung herauskam, die Taschen mit Steuergeldern nur so vollgehauen hat –, als „parlamentarischer Mitarbeiterin“ soll er ihr in fünfzehn Jahren rund 830.000 Euro überwiesen lassen haben, wobei ein Beweis für irgendeine Tätigkeit sich nirgendwo finden ließ. Fillon sank in den Umfragen daraufhin auf den dritten Platz hinter Macron.

Ein Paar und seine Geschichte

Man kann aber auch Macrons unglaublichen Erfolg, die frenetische Liebe, die ihm von jungen Wählern zufliegt, die Begeisterungsstürme, wenn er „Liberté, Égalité, Fraternité“ in die übervollen Säle ruft, als hätte er sich diesen Slogan gerade erst ausgedacht, als französische Version von „Yes, we can!“, nicht allein auf sein sympathisch-vernünftiges, dezidiert pro-europäisches, pragmatisch-sozialliberales Programm zurückführen, sondern auch auf einen Wahlkampf, der Macron und seine Frau als untrennbare Einheit, sozusagen als präsidiablen Vierbeiner mit zwei Köpfen präsentiert. Arnaud Montebourg, Macrons Vorgänger im Amt, bemerkte giftig, Macron habe es bereits auf 65 Zeitungstitel geschafft, ohne überhaupt ein Programm zu haben – und zwar vor allem wegen seiner Frau Brigitte Trogneux, die 24 Jahre älter ist als er und seine Latein- und Französischlehrerin in der Schule war.

Die Franzosen lieben dieses Paar und seine Geschichte.

Wäre Macron zum Beispiel mit der 32-jährigen Anwältin Tiphaine Auzière liiert, würde er viel eher wie ein junger, überehrgeiziger Streber wirken. Aber Tiphaine ist nicht seine Frau, sondern seine Stieftochter; sie ist das Kind von Brigitte Trogneux.

Präsidentschaftswahl : Umfrageliebling Macron elektrisiert Franzosen

Auch Macron rückt seine Frau direkt ins Rampenlicht seiner politischen Selbstdarstellung. Sie ist überall präsent; auch in seinem Wahlkampfbuch, das „Révolution“ heißt, schreibt er über Brigitte, die ihm beibrachte, „sich keinen Konventionen anzupassen“.

Die sympathische Freundin von Jane Fonda

Es wurde immer wieder geschrieben, dass vor allem die Wählerinnen Macron schon dafür mögen, dass er Frauen gegenüber ausnahmsweise kein trophäensammlerhaftes (Sarkozy), wurstig-unwürdiges (Hollande) oder pathologisches (Strauss-Kahn) Verhalten an den Tag legt; und dass man ausnahmsweise einmal ein Polit-Paar zu sehen bekommt, das den gleichen erheblichen Altersunterschied aufweist, der auch Melania von Donald Trump trennt – nur dass im Fall Macron eben mal der Mann der Jüngere ist.

Aber diese Analyse ist zu einfach. Denn Brigitte Trogneux ist nicht einfach nur deutlich älter – sie steht für ein bestimmtes Frankreich, das Macron nicht verkörpern kann.

Trogneux sieht aus wie eine sympathische Freundin von Jane Fonda und strahlt eine Lebensfreude aus, als hätte sie die letzten vier Jahrzehnte in Saint-Tropez gelebt und gefeiert.

Sie gehört zu der Generation, die den Feminismus der siebziger Jahre erlebt hat, sie ist politisch, sie hat drei Kinder und ihren Beruf vereint, und wenn sie mit Macron auftritt, dann strahlt sie eine Mischung aus Zuversicht, Lebensfreude und -erfahrung aus, die man in den Zügen des immer wie aus dem Ei herausgepellt wirkenden Macron nicht findet. Sie wirkt auf allen Bildern wie eine Verkörperung jenes aufbruchsfreudigen, modernen und zuversichtlichen Frankreichs, das sie in ihrer Jugend in den sechziger und siebziger Jahren erlebte.

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