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Brexit-Abstimmung : Chips und Bier

Demonstranten am Dienstag in London Bild: EPA

Wie immer die Abstimmung über den von Theresa May ausgehandelten Brexit-Deal läuft: Facebook profitiert vom Chaos in Großbritannien in jedem Fall. Dort wird politische Werbung geschaltet, dass es nur so kracht.

          Wie immer die Sache mit dem Brexit noch ausgehen wird, ob im großen oder allergrößten Chaos, das unsereins den Briten nie zugetraut hätte, galten sie zwar nicht in der Politik (Thatcher, Major, Blair, Brown, Cameron, May), wohl aber in der zweitwichtigsten Sache der Welt, Fußball (Gary Lineker, Bobby Charlton, Alan Shearer), doch als Stimme der Vernunft; wie immer die Sache also ausgeht und wie teuer ein Platz auf der Fähre wird und wie lange die Überfahrt künftig dauert, einen Gewinner kennt der Brexit schon jetzt: den amerikanischen Digitalkonzern Facebook.

          Dort nämlich wird die Werbeschlacht um den Ärmelkanal geschlagen. Für 31.000 Pfund habe die Gruppe „Britain’s Future“, die den Brexit befürwortet, in den letzten sieben Tagen politische Anzeigen bei Facebook geschaltet, in den vergangenen drei Monaten für insgesamt 88.000 Pfund, berichtet der „Guardian“ und meint einen Verstoß gegen Facebooks Gelöbnis zu erkennen, man habe aus der verdeckten Propaganda aus russischen Kanälen im amerikanischen Wahlkampf gelernt und lasse nur Werbung mit erkennbarem Absender zu.

          Der „Guardian“ findet die Quelle hier trübe: Man wisse nicht, woher die Finanzmittel stammten, das einzige bekannte Gesicht der Kampagne sei der frühere Sitcom-Drehbuchautor Tim Dawson („Coming of Age“, „Two Pints of Lager and a Packet of Crisps“), und der habe genauere Auskünfte über das Geld verweigert, mit dem zweihundert verschiedene Anzeigen bezahlt wurden. Die waren, wie es zu einem datengesättigten, zielbewussten Unternehmen wie Facebook passt, genau auf die Adressaten zugeschnitten und forderten auf, sich bei Unterhausabgeordneten zu melden, damit diese ja für den Brexit stimmen.

          Klipp und klar ist, wer innerhalb von nur einer Woche im vergangenen Dezember 96684 Pfund für elf Videos ausgegeben hat, um bei Facebook für den von Theresa May ausgehandelten Brexit-Deal zu werben. Das war die britische Regierung selbst. Noch stolzer sind die Summen, welche die Brexit-Gegner, die Großbritannien in der EU halten wollen, zuletzt in Facebook-Werbung investiert haben. Die Gruppe „People’s Vote“ hat 220.000 Pfund in Sachen „Remain“ ausgegeben, die Initiative „Best for Britain“ 150.000 Pfund. Vor zwei Jahren, als sich die Briten mit knapper Mehrheit für den Brexit aussprachen, hatten die Betreiber der „Leave“-Kampagne zuvor rund 2,7 Millionen Pfund in zielgerichtete Facebook-Werbung investiert, darunter angeblich „Dark Ads“, die nur für den Adressaten sichtbar sind und wieder verschwinden.

          Bis zuletzt wird inhaltlich mit allen Mitteln gefochten. Sowohl die britische Regierung als auch die Gegner des May-Deals dienen sich Facebook-Nutzern als ehrliche Makler an und behaupten, sie wüssten „Was der Brexit-Deal für Sie bedeutet“. Dabei weiß niemand, wie das mit dem Brexit ausgeht, mit Deal oder ohne Deal. Facebook wird es freuen, der Konzern hat unendlichen Werbeplatz. Wäre es nicht so traurig, könnte man sich an den Titel des Brexiteers Dawson halten – und „Two Pints of Lager and a Packet of Crisps“ ordern.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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