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Überwachungs-Apps für Eltern : Wer schaut nach mir?

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Die Miniaturisierung von Computern führt dazu, dass sich militärische Praktiken und Techniken des Targetings wie selbstverständlich im Alltag implantieren lassen, dass man Personen trackt und als Zielobjekte „auf dem Radar“ hat. Freilich konnte man auch schon früher mit analogen Mitteln Tagebücher öffnen oder heimlich Schubladen von Kollegen durchwühlen, um Geheimnisse zu erfahren und mögliche Verschwörungen ans Tageslicht zu zerren. Doch mit den Tracking-Technologien werden diese Indiskretionen perpetuiert, weil ständig jemand in Tage- und Logbüchern herumwühlt: Eltern, Freunde, Unternehmen, Behörden.

Auf dem Kontrollbildschirm taucht die Zielperson wie ein militärisches Target auf

Jeder Mensch ist ein potentielles Zielobjekt. Der Philosoph Paul Virilio schrieb schon im Jahr 2000 in seinem Essay „Information und Apokalypse. Die Strategie der Täuschung“: „Früher waren es das Teleskop und das Mikroskop; in Zukunft wird es die häusliche Fernüberwachung sein, die weit über die eigentlich militärische Dimension des Phänomens hinausgeht.“ Bei „Spyzie“ ist sogar explizit von einem „Zielgerät“ die Rede, auf dem Kontrollbildschirm taucht die Zielperson wie ein militärisches Target auf. Die App kopiert das Setting des Kontrollzentrums, die Technik des Ins-Visier-Nehmens, mit dem man Zielpersonen einfach anklicken und ihre Aktivitäten aus sicherer Distanz kontrollieren kann.

Der Medientheoretiker Jordan Crandall beschreibt, wie durch die Zielverfolgung eine neue Computervision entstehe, bei der Bewegungen eigene Bildvektoren darstellen und Personen in einer „Observationsmatrix“ landen. Diese Präzisionsoptik sei panoptisch und präemptiv, aber auch postoptisch, weil man nicht mehr sehe, sondern lediglich tracke.

Der Überwacher verfolgt bloß Datenpunkte, die wiederum „bewegliche Ziele“ darstellen. Analog dazu sieht der panoptische Elternteil lediglich den digitalen Fußabdruck der Kinder, ihre Spuren, aber nicht die Person auf dem Livestream einer Kamera. Das Sehen ist rein technologisch.

Tracking ist mehr als eine Form der Kontrolle

Tracking ist für Crandall eine antizipatorische Form des Sehens, so wie man bei Ballsportarten die Flugkurve des Balls berechnet und nicht das Spielgerät direkt fixiert, sondern daran vorbeischaut. Als wäre man selbst der Spielball algorithmischer Systeme, werden nun die Berührungs- und Bewegungspunkte von Individuen vorausberechnet. „Wir sind zunehmend das Subjekt einer Form des Gesehenwerdens, die uns zuerst und schneller sieht“, sagte Crandall in einem Interview. „Wir identifizieren uns über diese repräsentativen Matrizen, die dabei sind, den Status einer Kondition zu erreichen.“

Tracking sei nicht nur eine Form der Kontrolle, sondern auch ein Medium der Selbstreflexion und des Selbstbewusstseins. Es würde nicht mehr als etwas Eindringendes empfunden. Tracking könne als ein „beruhigender Blick“ Teil einer neuen Sozialität sein, die erotisch aufgeladen sei. Gerade unter den Bedingungen der allgegenwärtigen Überwachung strebten die Menschen danach, registriert zu werden. „Gesehen zu werden, heißt, umsorgt zu werden“, sagt Crandall.

Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter

Die bizarre Folge der perpetuierten Kontrollschleifen ist ja, dass man die Überwachungslogik derart internalisiert hat, dass das Nichtverfolgen als ein Liebesentzug empfunden wird, als hätte man das Interesse an der Positions- und Standortbestimmung verloren. Vielleicht strahlt daher der technologische Blick auf den Datenkörper der verfolgten Frau mehr Erotik aus als eine banale Kurzmitteilung des Inhalts: „Schatz, ich bin auf dem Weg.“

Friedrich Dürrenmatt entwarf in seiner Novelle „Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“ (1986) die Welt einer totalen Observation, in der das Wechselspiel aus Beobachtet- und Unbeobachtet-Sein die Identität der Protagonisten konstituiert. Über den Logiker D. schreibt Dürrenmatt: „Dieses Unbeobachtet-Sein würde ihn mit der Zeit mehr quälen als das Beobachtet-Sein vorher, er würde die Steine gegen sein Haus geradezu herbeisehnen, nicht mehr beobachtet, käme er sich nicht beachtenswert, nicht beachtenswert nicht geachtet, nicht geachtet bedeutungslos, bedeutungslos sinnlos vor, er würde, stelle er sich vor, in eine hoffnungslose Depression geraten.“

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