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Merkels Rede in Harvard : Festgemauert in den Phrasen

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Ein Ort für „dreamers, changemakers and aspiring artists“

Dann sprachen Genesis De Los Santos, deren Vorfahren aus der Dominikanischen Republik stammen, und Lucila Takjerad aus Algerien über ihre Lebensgeschichte mit jener schließlich doch übermannenden Selbstergriffenheit, die schon bei der Harvard-Bewerbung gut ankommt: eigene, einschneidende, nicht immer erfreuliche Erlebnisse, die denen, die sie anhören, gleichnishaft zeigen sollen, dass es hierhin jeder schaffen kann. Das ist das Rezept und, wie man an den Rednern erleben konnte, etwas anderes als bloße Streberei. Ehrlich priesen sie Harvard als Privileg, für das man dankbar zu sein habe.

Nachdem der Präsident die Deans (Dekane) aller Fakultäten aufrief, wobei auffällig viele fremdländisch klingende Namen fielen und keiner vergaß, an den Gemeinsinn zu erinnern, bekommt die Bundeskanzlerin ihren Ehrendoktor, danach gibt es Mittagessen in der Widener Library, auf deren obersten, unglaublich breiten Stufen drei riesige rote Veritas-Fahnen gehisst sind. In ganz Cambridge läuten nun die Glocken, damit auch der Letzte, der die vielen Roben und akademischen Hüte in der Stadt vielleicht nicht recht zu deuten wusste, weiß, was für ein Feiertag heute ist. Kein Zweifel: Die Leute hier wissen, wie man Harvard glaubwürdig als den Ort für „dreamers, changemakers and aspiring artists“ anpreist; Harvard als „home“ wirkt inmitten all der Zuschreibungen fast schon unterkühlt. Die bange Frage ist jetzt natürlich: Wie wird sich Angela Merkels Redekunst ausnehmen, von der man in Harvard wahrscheinlich gar nicht weiß, wie wenig sie sich seit 2005 weiterentwickelt?

Auf dem Areal versammeln sich 30.000 Menschen, die Stimmung ist entspannt. Alumni, viele mit Zylindern, verbreiten eine angenehm unernste, fast zirkushafte Stimmung. Es folgt, durch den Mittelgang und zu lustiger Blasmusik, der Einzug der Ehemaligen-Jahrgänge, eine nicht enden wollende Reihe naturgemäß älterer, alter und steinalter Menschen, ganz überwiegend Männer; der älteste Abschlussjahrgang ist 1941, man kann sich das Lebensalter ungefähr ausrechnen. Viele kommen mit einem Gehstock, einige mit Rollator, wenige im Rollstuhl. Selbst die Gebückten verbreiten die Entspanntheit derer, die es im Leben zu etwas gebracht haben.

Ein intellektuell niederschmetterndes Niveau

Das trifft zweifellos auch auf Angela Merkel zu, „the scientist who became a world leader“, die nun vorgestellt wird (Frau aus dem Osten, 1989, irgendwann Bundeskanzlerin, Finanz- und Euro-Krise, Klima- sowie Flüchtlingskanzlerin). In ihrem notorischen Blazer und unter schon jetzt fast frenetischem Applaus tritt sie ohne jede Selbstgefälligkeit ans Pult. In der Mittagspause war verschiedentlich zu hören, Regierungssprecher Steffen Seibert habe die Information verbreitet, die Kanzlerin habe in letzter Minute die ihr geschriebene Rede eigenhändig geändert, und zwar in Richtung eines ganz persönlichen Bekenntnisses.

Sie beginnt auf Englisch mit den obligatorischen Grußadressen, der Feststellung, dies sei ein „day of joy“ und dass „experiences“ eine „door to a new life“ sein könnten. Was dann, auf Deutsch und portionsweise gedolmetscht, folgt, ist eine Rede, deren intellektuelles Niveau man nur niederschmetternd nennen kann. Sie sagt nichts eigentlich Falsches, bestimmt nur Gutgemeintes; aber schon, dass sie sich nicht entblödet, einem mit Hermann Hesses „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“- Kitsch zu kommen, verheißt Schlimmes.

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