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Terroranschläge in Brüssel : Molenbeek ist überall

Ein Belgischer Soldat und ein Polizist stehen vor dem Brüsseler Hauptbahnhof Wache. Bild: AFP

Nach Frankreich ist auch Belgien Opfer entsetzlicher Terroranschläge geworden. Doch von einer Schicksalsgemeinschaft ist nichts zu spüren. Stattdessen gibt es Streit und Schuldzuweisungen.

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          Wenn es einem die Sprache verschlägt an einem leicht sonnigen Frühlingsmorgen angesichts einer tragischen Aktualität, die sich zwanghaft zu wiederholen scheint und wie ein Fluch über Europa hereingebrochen ist, wirft man manchmal lieber einen Blick in die Zeitung von gestern. Doch er macht das Entsetzen über das neuerliche Grauen nur noch hilfloser. Als Sieg über den Terrorismus hatten die Medien in Belgien und Frankreich am Wochenende die Verhaftung des am meisten gesuchten Kriminellen in Europa gefeiert. Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve sprach von einem „wichtigen Schlag“ gegen den „Islamischen Staat“ und lobte die „gute Zusammenarbeit“ zwischen den beiden Ländern. Im besten Fall handelt es sich um eine Fehleinschätzung und eine Lüge.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Angebracht war allenfalls eine gewisse Erleichterung über die Verhaftung von Salah Abdeslam. Was sie für die Angehörigen der Opfer in Paris und die Überlebenden der Attentate vom 13. November bedeutet, kann man nachvollziehen. Nein, Frankreich ist am Freitagabend nicht in ein Triumphgeheul ausgebrochen. Aber schon gab es Ansätze, Abdeslam als Feigling zu verhöhnen, dem die Frauen und das Kiffen wichtiger waren als der Dschihad und der, als es um das eigene süße und nackte Leben ging, nicht fähig war, den Zünder des Sprengstoffgürtels zu aktivieren. Mit seiner Festnahme frönte man der Illusion, den radikalen Islam besiegt zu haben.

          Ungewöhnlich viele Pizzen für eine Frau

          Mit Spott und Häme wurde das in den sozialen Netzwerken kommentiert. „Jeden Monat sind sie hundert Meter weitergekommen“, hieß es auf Twitter über die Polizeikräfte. Abdeslam sei nur entdeckt worden, weil aus der Wohnung, in der lediglich eine Frau zu leben schien, ungewöhnlich viele Pizzen bestellt wurden, war in Zeitungen zu lesen. Und dass eine Hausdurchsuchung verschoben werden musste, weil es dafür eine gesetzliche Polizeistunde gibt.

          Von Samstagmorgen an war Alan Marsaud auf allen Kanälen, im Fernsehen wie im privaten Rundfunk. Marsaud ist nicht einer dieser obskuren und geschwätzigen Experten, die während der Live-Übertragungen die Zeit töten müssen. Marsaud ist noch immer Abgeordneter im Parlament und war in den achtziger Jahren für die französische Terrorabwehr verantwortlich. Er nahm kein Blatt vor den Mund: „Wir verdanken die 130 Toten von Paris den Belgiern. Der Mannschaft von Molenbeek und der Unfähigkeit der Belgier, dieses Problem zu lösen.“ Sie werden, so Marsaud, dafür „Rechenschaft ablegen müssen“.

          Als habe es Frankreich mit einer Bananenrepublik zu tun

          Schon nach dem 13. November hatte Staatspräsident Hollande von syrischen Auftraggebern und belgischen Organisatoren gesprochen. Wie sehr die Belgier über die Haltung und Schuldzuweisungen der Franzosen empört sind, zeigte sich anlässlich der Pressekonferenzen nach der Festnahme von Abdeslam. Umgehend war der Pariser Staatsanwalt François Molins, der die Ermittlungen gegen die Attentäter führt, nach Brüssel gereist. Zu Hause erwies er sich als überaus redselig – Abdeslams Anwalt will eine Klage wegen Bruchs des Amtsgeheimnisses einreichen. Sogar der belgische Innenminister Jan Jambon kritisierte Molins: „Seine Erklärungen erleichtern die Untersuchung in keiner Weise.“ Die Art und Weise, wie die Forderung nach einer umgehenden Auslieferung vorgebracht wurde, musste den Eindruck erwecken, als habe es Frankreich mit einer Bananenrepublik zu tun.

          Der Ärger über Paris mag den leicht übertriebenen Eifer erklären, mit dem sich der belgische Polizeichef Claude Fontaine über die französischen Medien äußerte. Er hätte lieber am Samstagmorgen eingegriffen, stöhnte Fontaine. Das französische Nachrichtenmagazin „Le Nouvel Observateur“ habe den Plan vereitelt, weil es schon am Freitagnachmittag von der Präsenz des Terroristen berichtet habe. Auch sei der Übertragungswagen eines belgischen TV-Senders an den Ort geschickt worden. Claude Fontaine wirft diesen beiden Medien vor, das Leben seiner Polizisten aufs Spiel gesetzt zu haben: „Wir mussten davon ausgehen, dass Salah Abdeslam mit einem Sprengstoffgürtel aus dem Haus fliehen könnte.“ Es ging weder um die Polizeistunde für Hausdurchsuchungen noch um die Behinderung des Feierabendverkehrs.

          Nur niedliche Katzenbilder getauscht

          Ähnliche Vorwürfe waren französischen Sendern nach den Attentaten auf „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt gemacht worden. Als im Anschluss an die November-Anschläge in Brüssel der Ausnahmezustand ausgerufen und die Stadt lahmgelegt war, hielten sich die Medien an die Richtlinien der Behörden. In den sozialen Netzwerken wurden den ganzen Sonntag über von Anwohnern, die beste Sicht auf die 22 Hausdurchsuchungen und Polizeiautos hatten, nicht Fotos und Videos verschickt, sondern niedliche Katzenbilder getauscht – in Frankreich undenkbar. Franzosen haben den Staat nicht im Kopf, sondern zum Feind – und freuen sich, wenn sie ihm ein Schnippchen schlagen können.

          Das Bild zeigt den Schaden, den die Explosion am 22. März an der Fassade des Brüsseler Flughafens hinterlassen hat.

          „Vor der Verhaftung Abdeslams gab es keine Anweisungen der Polizei“, erklärt Christoph Berti, Chefredakteur der Zeitung „Le Soir“: „Zwischen den französischen und den belgischen Behörden bestehen im Umgang mit der Presse große Unterschiede. Bezüglich des Terrorismus kommen die meisten Informationen aus Paris. Bei uns herrscht Vorsicht, um nicht zu sagen eine Zurückhaltung, die ebenfalls zum Problem werden kann.“ Doch die Nachrichten aus Paris sind oft Indiskretionen, die der Rivalität der verschiedenen Dienststellen zu verdanken sind. Und versagt haben bei der Terrorabwehr auch die französischen Geheimdienste.

          Belgien ist eben die Provinz

          Ein heilsamer Artikel ist in der Zeitung vom Vortag gleichwohl zu finden. Der „Figaro“ hat sich nach den vielen Beiträgen über Molenbeek auf die Banlieues im eigenen Land besonnen. „Zum klassischen Gesetz des Schweigens der Banditen kommt eine religiöse Omertà“, beschreibt der Polizeioffizier Patrice Ribeiro die Lage: „Moolenbeeks gibt es in Frankreich viele.“ Man mache sich keine Vorstellung davon, wie schwierig es sei, in diesen Quartieren in eine Wohnung zu gelangen, um zum Beispiel Abhörmikrofone anzubringen“, sagt der Untersuchungsrichter Marc Trévidic: „Man wird überall beobachtet, Tag und Nacht. Es ist unmöglich, hier ein Auto abzustellen. Es handelt sich um Zonen der Ausschließung, in die kein Mensch, der nicht zur Gemeinschaft gehört, eindringen kann.“

          Frankreich ist Paris und Belgien die Provinz. Von einer Schicksalsgemeinschaft ist nach den Anschlägen in Brüssel erbärmlich wenig zu spüren. Die innenpolitische Instrumentalisierung des Terrors und die Schuldzuweisungen gehen munter weiter. „Mit dem Front National an der Macht hätte es keine Attentate gegeben“, verkündet Marion Le Pen. Eine Stunde nach der ersten Explosion in Brüssel beschimpfte der Fraktionschef der Sozialisten im Parlament die Rechte, die in der kleinen Kammer die Aberkennung der Staatsbürgerschaft blockiert: „unverantwortlich“ – ergo: mitverantwortlich. Schadenfreude wird nicht wirklich manifest. Aber mit der arroganten Besserwisserei gegenüber dem Kleinstaat Belgien ist es nicht zu Ende. Von keiner Seite kam ein Aufruf „Wir sind alle Belgier“.

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