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Indischer Künstlerclan : Kreative Kraft der Großfamilie

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Der 2012 verstorbene Altmeister Ravi Shankar zusammen mit seiner Tochter Anoushka Shankar im Jahr 2002 Bild: dapd

Ein Jahrhundert der Symbiose indischer Tänze: Das Beispiel der Shankars zeigt, wie das Modell Großfamilie die Möglichkeit bietet, die künstlerische Tradition in die nächste Generation weiterzutragen.

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          Eine Ära sei nun zu Ende, lautete der Tenor der Nachrufe auf die Doyenne des indischen Tanzes, Amala Shankar, die vergangenen Freitag im Alter von 101 Jahren in Kalkutta gestorben ist. Sie war die Ehefrau des Tänzers Uday Shankar, der in den dreißiger Jahren in Europa und den Vereinigten Staaten mit seinen Aufführungen und einer geradezu magnetischen Ausstrahlung das Publikum in den Bann geschlagen hat. Das lange Leben seiner Frau dokumentiert beinahe ein Jahrhundert der Symbiose indischer Tanztraditionen mit europäischen Theater- und Tanzstilen.

          Amala traf Uday Shankar schon als Mädchen 1930 in Paris, als die russische Ballerina Anna Pavlova das Talent von Uday erkannt hatte und ihn in den europäischen Tanz einführte. Er und die Pavlova tanzten auf der Bühne Duette zu indischen mythologischen Themen. Uday gründete, obwohl selbst nicht formal in einer indischen Tanztradition ausgebildet, danach die erste indische Tanztruppe in Europa und feierte Triumphe mit seinem kreativ-eklektischen Tanzstil. In seiner Heimat, wo er von dem Dichter Rabindranath Tagore gefördert wurde, der selbst für seine Tanzdramen einen besonderen Tanzstil geschaffen hatte, unterrichtete Uday Shankar an seiner eigenen Tanzakademie; Amala ließ sich dort von ihm ausbilden und wurde nicht nur seine Ehefrau, sondern auch Tanzpartnerin.

          Die tradierende Kraft der indischen Großfamilie

          Nach dem Tod von Uday Shankar im Jahr 1977 übernahm dann Amala das künstlerische Erbe ihres Ehemannes. Sie belebte seine Choreographien, schuf neue in seinem Stil und bildete Generationen von Tänzern aus. Bis zu ihrem Tod war sie die Leiterin der Tanzschule in Kalkutta, die den Namen ihres Mannes trägt.

          Am Beispiel der Shankar-Familie beweist sich die tradierende Kraft der indischen Großfamilie. Mamata Shankar, die Tochter von Amala und Uday, ist heute eine führende Tänzerin und leitet eine Tanzschule. Und alle anderen Kinder und Schwäger oder Schwägerinnen von Amala haben sich ebenfalls dem Tanz oder der Instrumentalmusik verschrieben. Udays jüngerer Bruder war Ravi Shankar, der als Sitarspieler international berühmt wurde. Auch seine Tochter Anoushka ist inzwischen eine anerkannte Sitarspielerin in den Vereinigten Staaten. Deren Halbschwester wiederum, eine andere Tochter von Ravi Shankar, ist die Sängerin Norah Jones.

          Die Institution der Großfamilie, die mehrere Generationen mitsamt Mitgliedern zweiten und dritten Grades zusammenbindet, führt bis heute in Indien zu außerordentlichen künstlerischen Persönlichkeiten. Das vornehmste Beispiel ist Rabindranath Tagore selbst, der in der dritten Generation von talentierten, eigenwilligen und tüchtigen Männern und Frauen aufwuchs und nur aufgrund des Schutzes und der Inspiration seiner Brüder und Schwestern zur kreativen Größe heranwachsen konnte. Satyajit Ray, Indiens größter Filmemacher, entstammte ebenfalls einer solchen Familie; auch sein Sohn Sandip ist ein anerkannter Filmregisseur geworden.

          Im Bundesstaat Gujarat im Westen Nordindiens hat die Familie Sarabhai außerordentliche Menschen hervorgebracht: Politiker, Freiheitskämpfer gegen die Kolonisatoren, Begründer von Institutionen und Pädagogen; Mallika Sarabhai, eine Tänzerin wie ihre Mutter, ist als Aktivistin gegen soziale Ungerechtigkeit heute eine unüberhörbare Stimme im Land. Obwohl mit dem Tod von Amala Shakar der unmittelbare Kontakt zu der hohen Zeit indisch-europäischen Tanzes abgebrochen ist, sorgt die Tradition der begabten Großfamilien für immer neue Höhepunkte künstlerischer Innovation und sozialen Engagements.

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