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40 Jahre Islamische Revolution : So hätte es nicht enden sollen

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Eine Iranerin am Maschinengewehr im Februar 1979 Bild: dpa

Die Freiheit und das Trauma: Eine iranisch-deutsche Schriftstellerin berichtet, wie vor vierzig Jahren die iranische zur Islamischen Revolution wurde – und warum der Anfang vom Ende weiblich ist.

          Am Nachmittag des 7. April 1979 schritt Amir Abbas Hoveida, der fast 13 Jahre lang Premierminister Irans gewesen war, in den Innenhof des Teheraner Qasr-Gefängnisses. Die Öffentlichkeit kannte ihn nur mit frischer Orchidee im Knopfloch seines Jacketts, doch anzunehmen ist, dass er diese Gewohnheit mit seiner Gefangennahme durch das revolutionäre Komitee mehrere Wochen zuvor aufgegeben hatte. Er schritt also, oder vielleicht möchte man sich eine weltgewandte, einst mächtige Person, einen Kenner von Kunst und Kultur, der in Beirut und Paris studiert hatte und als liberaler Brückenbauer galt, auch nur so, eben schreitend, vorstellen. Wahrscheinlicher ist, dass er sich in den Innenhof schleppte, denn dem Autopsiebericht nach wurde er kurz vorher verprügelt. Fünfzehn Minuten waren seit seinem Urteilsspruch vergangen. Revolutionsrichter Ajatollah Sadegh Khalkhali hatte Hoveida soeben in allen 17 Anklagepunkten für schuldig befunden, darunter „Verbreitung der Korruption weltweit“, „Kampf gegen Gott“, „Verteidigung der Interessen der Kolonialisten“ und „Zerstörung der Landwirtschaft und der Wälder“.

          Richter Khalkhali stammte aus einfachen Verhältnissen. Er wurde als Sohn eines Bauern nahe der aserbaidschanischen Grenze geboren. Besser als unter seinem amtlichen Namen war er Iranern und Iranerinnen als „Sadegh der Schlächter“ bekannt. Er soll unmittelbar nach der Islamischen Revolution in wenigen Wochen mehrere hundert Menschen zum Tode verurteilt haben. Ohne, dass das seine Stimmung getrübt hätte: Auf V.S. Naipaul, der ihn in dieser Zeit für sein Buch „Eine islamische Reise“ traf, hinterließ es bleibenden Eindruck, wie Khalkhalis Gaumenzäpfchen beim Lachen zitterte. Wenn Khalkhali heiß wurde, entledigte er sich seines Turbans und seiner Socken und spielte während der Zeugenaussagen mit seinen Zehen herum, schrieb eine amerikanische Journalistin. Damit ihn niemand bei der Arbeit stören konnte, vor allem nicht der gemäßigte, weltliche Premier der neuen Islamischen Regierung, Mehdi Bazargan, soll er alle Telefone des Gefängnisses in einem Kühlschrank versteckt haben. Khalkhali, so brutal, so roh und so clownesk. Mir fällt kein Urbild dazu ein.

          Der blutend auf dem Boden lag, bettelnd um den schnellen Tod

          Hoveida also schritt oder schleppte, jedenfalls bewegte er sich auf irgendeine Weise in den Gefängnishof. Noch bevor er sein Ziel erreichte, soll ihm Hadi Ghaffari, ein Geistlicher niedrigeren Ranges, mit einer Pistole in den Nacken geschossen haben, woraufhin Hoveida stürzte und um den Gnadenschuss bettelte. Und dann sollen dem britischen Journalisten Christopher de Bellaigue nach seine letzten Worte gefallen sein: „So hätte es nicht enden sollen.“

          So hätte es nicht enden sollen. Vierzig Jahre später gehen mir immer und immer wieder diese Worte durch den Kopf. So hätte es nicht enden sollen. Warum?

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